Mehr Platz für den Nerv: Drei von 1000 wegen Karpaltunnelsyndrom schlaflos

Das Karpaltunnelsyndrom raubt drei von 1000 Menschen in der Bevölkerung den Schlaf. Ein ambulanter Eingriff, der in Innsbruck entwickelt wurde, verspricht eine unkomplizierte Heilung und sorgt für einen Ansturm an der Radiologie.

„Der Schmerz reicht von Kribbeln und Missempfindungen in den Fingern bis in den Unterarm.“ Julia Wanschitz, 
Uniklinik für Neurologie
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Von Theresa Mair

Ausgehend von den Nervenwurzeln an der Halswirbelsäule, verläuft durch die Achselhöhlen, Ober- und Unterarme der Nervus medianus und steuert Daumen, Zeige- und Mittelfinger sowie einen Teil der Ringfinger. Auf dem Weg dorthin muss der Nerv jedoch an den Handgelenken eine Engstelle passieren, die vielen Menschen auf die Dauer Probleme bereiten kann: den Karpaltunnel.

Der von Haus aus schmale Kanal, durch den der Nerv und Sehnen führen, wird von den Handwurzelknochen sowie dem so genannten Karpalband gebildet. Wird der Tunnel ständig abgeklemmt, etwa durch Abwinkeln der Hand oder einseitige mechanische Belas­tungen, reagiert der Nerv beleidigt, vor allem in der Nacht.

Beim Karpaltunnelsyndrom schlafen die erwähnten Finger ein und der Betroffene ist wach. „Der typisch nächtliche Schmerz wird Brachialgia nocturna genannt. Er reicht von Kribbeln und Missempfindungen in den Fingern bis hin zu Schmerzen im Unterarm. Die Finger fühlen sich taub an. In ganz schweren Fällen kann es bis zum Muskelschwund im Daumenballen und somit zu einer Schwäche des Daumens kommen“, erklärt Julia Wanschitz, Oberärztin an der Uniklinik für Neurologie in Innsbruck. Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus und chronisch rheumatische Polyarthritis erhöhen das Risiko für ein Karpaltunnelsyndrom zusätzlich.

Solange man ruhig weiterschlafen kann, wenn die Finger durch Ausschütteln wieder aufgeweckt worden sind, muss man sich keine Sorgen machen. Wenn die Beschwerden jedoch zwei bis drei Wochen regelmäßig auftreten oder in den Tag hinein reichen, rät Wanschitz, nicht lange zu warten und den Hausarzt aufzusuchen.

Er verweist bei Bedarf an einen Neurologen. Dieser misst mittels Elektro-Neurografie die Nervenleitgeschwindigkeit. „Man sieht, wie die Impulse weitergeleitet werden, ob es im Karpalkanal zu einer Verzögerung kommt und wie groß der Schaden ist“, schildert Wanschitz. Bei einer Ultraschall-Untersuchung ist dann erkennbar, ob eine Schwellung vorliegt oder der Nerv gequetscht ist. Wichtig sei, einen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule auszuschließen.

Infos

Methode aus Tirol

An der Uniklinik für Radiologie wird mit einem Stich eine Kanüle in den Karpaltunnel vorgeschoben. Mit einem Lokal­anästhetikum und Kochsalzlösung wird dieser „aufgeblasen“.Dadurch kann ein kleines Messer eingebracht werden, mit dem die Mediziner Ultraschall-ge­führt den Karpaltunnel spalten. Eine Studie dazu soll bald im „European Journal of Ultrasound“ veröffentlicht werden.

Belastung

Mechanische Belastung, bei der das Handgelenk abgeknickt wird – wie etwa durch Computerarbeit, Klavierspielen, Radfahren oder das Arbeiten mit dem Presslufthammer –, führt zu einer Verengung des Karpaltunnels. Vorerkrankungen wie Diabetes, Nierenschäden oder Neuropathien sowie Wassereinlagerungen, z. B. in der Schwangerschaft, erhöhen das Risiko.

Smartphone

Die exzessive Nutzung von Smartphones steht unter Verdacht, ein Karpaltunnelsyndrom zu begünstigen. Dies legt eine Studie mit 30 jungen Erwachsenen, veröffentlicht im Fachjournal „Plos One“ nahe. In der Praxis konnte Neurologin Wanschitz bisher keine Häufung feststellen.

Drei von 1000

Drei von 1000 Menschen in der Bevölkerung – vor allem mittleren Alters – sind vom Karpaltunnelsyndrom betroffen, mehrheitlich Frauen. Der Karpaltunnel stellt eine anatomische Engstelle dar, die aufgrund verschiedener Einflussfaktoren zusätzlich eingeengt werden kann.

Steht die Diagnose Karpaltunnelsyndrom fest, gilt es das Handgelenk in einer geraden, ent­spannten Position ruhigzustellen. Dazu wird hauptsächlich nachts eine Schiene angelegt, die nach Möglichkeit auch untertags getragen werden sollte. Damit das Taubheitsgefühl verschwindet und die Schwellung zurückgeht, kann Kortison verschrieben werden. „Es gibt die Möglichkeit, Kortison in Tablettenform zwei Wochen lang zu nehmen. Alternativ kann eine lokale Injektion in den Karpaltunnel mit Kortison oder einem Lokalanästhetikum verabreicht werden. Das kann man nicht endlos oft machen, höchsten zwei- bis dreimal in einigen Monaten“, sagt Wanschitz. Bleiben die Finger weiter taub, kommt man an einem Eingriff nicht herum. Das Risiko einer Lähmung, die durch eine spätere Operation nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, sei zu groß. Die Erfolgsaussichten sind gut.“

Neben der offenen Operation, die sich als Methode der ersten Wahl etabliert hat, steht in Innsbruck seit ca. neun Monaten eine ganz neue Methode zur Verfügung. Alexander Loizides, Oberarzt an der hiesigen Uniklinik für Radiologie, hat mit seinem Team die so genannte minimalinvasive, Ultraschall-ge­steuerte Karpaltunnelspaltung modifiziert, die vor etwa drei Jahren in Frankreich vorgestellt wurde.

Dabei handelt es sich um einen 15-minütigen Eingriff, nach dem die Patienten sofort wieder nach Hause gehen dürfen. Im Gegensatz zu anderen Methoden muss die Hand danach nicht ruhiggestellt werden. „Die Finger sollen danach sogar bewegt werden, damit Verklebungen vermieden werden. Da es keinen Schnitt gibt, werden Narbenbildungen minimiert, post­interventionelle Schmerzen sind ex­trem selten“, erklärt Loizides.

Bisher wurden etwa 70 solche Eingriffe durchgeführt. „Der Ansturm ist groß. Dieser modifizierte Algorithmus wird derzeit weltweit nur in Innsbruck so gemacht.“


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