Uni Graz leistet Detektivarbeit um syrisches Kulturerbe

Mithilfe der Digitalisierung und internationaler Vernetzung ist es Forschern der Universität Graz gelungen, ein rund 1.500 Jahre altes Fragment aus dem armenischen Eriwan einer in der British Library befindlichen syrischen Handschrift zuzuordnen. Die Handschrift gelangte wohl seit dem 10. Jahrhundert aus dem nordmesopotamischen Raum über Ägypten nach London.

In wohl allen historischen Bibliotheken und Büchersammlungen kann man auf Fragmente von Urkunden und Büchern stoßen. Die Erschließung dieser letzten Spuren von möglicherweise versunkenem Schrifttum ist mühsam und zeitaufwendig. Der Spurenlese und wissenschaftlichen Erforschung des schriftlichen Kulturerbes weiß sich auch das Forschungszentrum Vestigia an der Universität Graz verpflichtet, wie dessen Leiter des Forschungszentrums, Erich Renhart, der APA schilderte.

Die digitale Erfassung erleichtert die Arbeit erheblich - vor allem, wenn die Handschriften und -sammlungen etwa wegen der Abgelegenheit der Aufbewahrungsorte oder ihrer Sprache bisher wenig Beachtung fanden. In diese Kategorie fällt auch die Sammlung syrischer Manuskripte und Fragmente, die in Armenien aufbewahrt werden. Mit ihrer Erfassung sind Renhart, Ephrem Aboud Ishac und Andrea Schmidt seit Jahren beschäftigt. Das Projekt erfasst alle Syriaca der Handschriftensammlung des Matenadaran, der großen Handschriftensammlung in der armenischen Hauptstadt Eriwan, und in Etschmiadsin in der Provinz Armawir. Die Experten setzen dabei auf eine selbst entwickelte Technologie: Mittels eines patentierten, mobilen Digitalisierungstisches können sie die wertvollen Schriftstücke objektschonend scannen, ohne dass das Kulturgut den Ort verlassen muss. Am Ende steht die Edition des Kataloges aller Syriaca des Matenadaran, in dem die Werke in Deutsch und Armenisch beschrieben und kommentiert werden.

Im Zuge der Arbeiten sind die Forscher im Mesrob Maschtots-Institut für Alte Handschriften in Eriwan auf ein rund zwei handtellergroßes, beidseitig beschriebenes Pergamentfragment gestoßen. Die Zeilen sind deutlich lesbar, „wir hatten über die Paläographie hinaus aber wenige Anhaltspunkte, um es zeitlich und örtlich einordnen zu können“, wie Renhart schilderte. „Unsere jetzigen Ergebnisse sind die Folge eines methodischen systematischen Suchens, bei dem uns die Digitalisierung sehr zu Gute gekommen ist“, berichtete Renhart.

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Auf der Suche nach vergleichbaren Texten sind die Forscher nun in der British Library in London fündig geworden. Dort werden Hunderte syrische Handschriften aufbewahrt, allerdings sind nur 16 digital erfasst und online unkompliziert zugänglich. Die Grazer Experten hatten Glück, denn unter ihnen befindet sich eines, das laut Renhart gleich mehrere Hinweise liefert, dass das Fragment aus dieser syrischen Handschrift aus dem 5. oder 6. Jahrhundert - der gleich mehrere Blätter fehlen - stammt.

Der Text der Handschrift umfasst u.a. die Märtyrergeschichte des Alexander. Laut Renhart handelt es sich um die bisher einzige syrische Quelle zu dieser Geschichte, eventuell gibt es eine lateinische Vorlage. Die Forscher nehmen an, dass das Eriwaner Fragment schon sehr lange von seinem Kodex getrennt ist. Die Handschrift entstand im heutigen Nordirak und dürfte im 10. Jahrhundert aus dem nordmesopotamischen Raum nach Deir el Surian, ins Syrerkloster, das in der ägyptischen Wüste liegt, gekommen sein. Von dort aus war die Handschrift im 19. Jahrhundert nach London gebracht worden.

Laut den Experten dürfte das Fragment der Handschrift vor ihrer großen Reise entnommen worden sein und vermutlich zusammen mit anderem Schriftgut, den Weg nach Armenien genommen haben. Ephrem Aboud Ishac zeigte sich besonders erfreut über diesen Fund: „Damit hat nicht nur ein winziger Puzzlestein seinen Platz gefunden, wir können an diesem Beispiel auch dokumentieren, wie Kulturgüter schon seit Jahrhunderten große Strecken zurücklegen, und die Zeugnisse einer ebenfalls in alle Winde zerstreuten Kultur wenigstens virtuell wieder zusammentragen.“

„Erfolge wie dieser sind ohne die digitale Erschließung von Beständen aus aller Welt undenkbar. Open-Access-Politik und rasante Fortschritte in den Digital Humanities ermöglichen es Forschenden, auch in Zeiten von Reisebeschränkungen, international vernetzt zu arbeiten und manch alten Schatz zu heben“, schloss Renhart.


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