Gewalt an Mädchen und Frauen: „Opfer suchen Schuld bei sich“

An Einrichtungen für misshandelte Mädchen und Frauen mangelt es in Tirol nicht, wie der Gewaltschutzplan des Landes zeigt. Verbessert werden soll die Arbeit mit den Tätern.

14 Einrichtungen in Tirol sind speziell für den Gewaltschutz bei Frauen und Mädchen zuständig.
© cindygoff

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Werden Frauen und Mädchen von Vätern, Männern, Partnern geschlagen oder misshandelt, kann ihnen in Tirol geholfen werden. Das legt zumindest der gestern präsentierte Gewaltschutzplan für den Sozialen Nahraum des Landes nahe. Demnach fehlt es nicht an Einrichtungen und Angeboten für die Opfer, sehr wohl aber an Strukturen, die sich um die Täterarbeit kümmern. Hier soll nachgebessert werden.

„Frauen, die Opfer von Partnergewalt wurden, suchen immer noch zu oft die Schuld bei sich“, sagt die Gewaltschutzplan-Autorin Birgitt Haller vom Wiener Institut für Konfliktforschung. „Es geniert sich nicht der Täter für das, was er gemacht hat, sondern das Opfer.“ Hier bedürfe es noch nachdrücklicherer Aufklärung, um den Frauen klarzumachen, dass ihnen Unrecht geschehe. Wenn sie das einsehen und sich Hilfe holen würden, verfüge Tirol laut Haller „über ein sehr breit aufgestelltes Netz“ an Anlaufstellen. „14 Einrichtungen sind spezifisch für den Gewaltschutz bei Frauen und Mädchen zuständig. Und über das ganze Bundesland gut gestreut zugänglich.“

3039 Fälle von Körperverletzung wurden in Tirol im Jahr 2018 angezeigt, wie aus dem Sicherheitsbericht der Bundesregierung für die Jahre 2015 bis 2019 hervorgeht. Bei den Tatverdächtigen handelte es sich in 85 Prozent der Fälle um Männer. Bei 656 und damit 21,6 Prozent der angezeigten Delikte gab es eine familiäre Beziehung zwischen Täter und Opfer. „Auch hier sind rund 85 Prozent der Gefährder Männer, meist mit Fokus auf Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen“, sagt Birgitt Haller. Der Gewaltschutzplan Tirol sieht besonders in der Täterarbeit noch Luft nach oben. Männern, die gewalttätig wurden oder drohen es zu werden, solle zum einen mehr Unterstützung angeboten werden. Außerdem bedürfe es landesweiter Informations-Kampagnen, die nicht nur Opfer aufrufen, sich Hilfe zu holen, sondern den Tätern auch klarmachen, dass Gewalt unter keinen Umständen geduldet wird.

„Diese Handungsempfehlungen nehmen wir sehr ernst“, meint Ines Bürger. Die Vorständin der Abteilung Gesellschaft und Arbeit beim Land Tirol nennt den Gewaltschutzplan eine „wissenschaftliche Grundlage als Basis für strukturiertes Handeln“. Die Umsetzung der sich daraus ergebenden Vorschläge „ist bereits gestartet“.

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Das sagt auch die für Frauenagenden zuständige Landesrätin Gabriele Fischer (Grüne), die grundsätzlich die Meinung vertritt, dass „wir in Tirol beim Thema Gewaltschutz auf dem richtigen Weg sind“. Diesen gelte es weiterzugehen. Auch deshalb werde, wie berichtet, im Oberland ein neues Frauenhaus errichtet. Derzeit laufe noch die Standortsuche. Im Hinblick auf die Täterarbeit kündigte Fischer an, mehr öffentliche Gelder bereitstellen zu wollen. Dem Verein „Mannsbilder“, der gewaltbereite Männer betreut, solle damit ermöglicht werden, eine Zweigstelle im Außerfern zu eröffnen. Ebenso soll der Standort in Innsbruck ausgebaut werden. In näherer Zukunft plane das Land Tirol laut Fischer zudem eine Kampagne, die dazu beitragen soll, das Thema „Gewalt an Frauen“ zu enttabuisieren, denn „Gewalt ist etwas, das uns alle betrifft. Die Gesamtgesellschaft muss hinschauen und auch handeln.“

Zahlen und Fakten

14 Einrichtungen sind in Tirol auf das Thema Gewaltschutz bei Frauen und Kindern spezialisiert. Neun der 14 Stellen betreuen direkt von Gewalt betroffene Frauen, bieten z. B. Notwohnungen an.

435 Betretungsverbote sind im Jahr 2018 von der Landespolizeidirektion Tirol ausgesprochen worden. Die meisten davon im Bezirk Innsbruck-Land (105), gefolgt von Kufstein (81) und der Landeshauptstadt Innsbruck (79).

3039 Fälle von Körperverletzung wurden in Tirol im Jahr 2018 angezeigt, 85 Prozent der Tatverdächtigen waren Männer. Von allen angezeigten Delikten spielten sich 21,6 Prozent (656) innerhalb familiärer Beziehungen, in und ohne Hausgemeinschaft, ab.

Informationen finden betroffene Frauen und Mädchen auch im Internet unter www.gewaltfrei-tirol.at.


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