Demonstranten stürmten Außenministerium in Beirut

Im Zentrum Beiruts protestierten Tausende friedlich gegen die politische Führung. Sie machen die Regierung für die Explosion mit mehr als 150 Toten und mehr als 6.000 Verletzten verantwortlich.

Einige Demonstranten versuchten, die Absperrung zum Parlament zu durchbrechen. Dabei warfen sie Steine. Sicherheitskräfte setzten massiv Tränengas ein, um die Menschen aufzuhalten. Mindestens 130 Menschen wurden verletzt, teilte das libanesische Rote Kreuz mit.

Einigen Demonstranten gelang es, in das libanesische Außenministerium einzudringen. Von ehemaligen Armeeoffizieren angeführte Protestierende drangen in das Gebäude ein und erklärten es zum „Hauptquartier der Revolution“. Auf Bildern des Fernsehsenders MTV war zu sehen, wie sie ein Bild von Präsident Michel Aoun zertrümmern. Die Aktivisten hängten ein großes Plakat mit dem Slogan „Beirut ist die Hauptstadt der Revolution“ auf.

Im Hafen gingen die Bergungsarbeiten am Ort der Katastrophe weiter. Rettungshelfer bargen 25 Leichen aus den Trümmern. Ihre Identität sei zunächst unklar, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Ihm zufolge werden noch immer rund 45 Menschen vermisst - überwiegend Hafenarbeiter. Insgesamt wurden bei der Explosion mehr als 150 Menschen getötet und rund 5.000 verletzt.

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Am Hafen und den umliegenden Vierteln bringen Freiwillige Essen und Getränke, um die Aufräumarbeiten zu unterstützen. Wie der junge Pfadfinder Alessio Zughaib, der an einem Tisch vor einem Krankenhaus Wasser und Äpfel verteilt. „Wir, die Menschen des Libanons, schaffen den Schutt weg, nicht die Regierung.“

Besonders schlimm erwischt hat es das Viertel Mar Michail, bekannt für seine guten Restaurants, Bars und Galerien. Jetzt sieht es hier aus, als wäre ein Hurrikan hindurchgefegt - an ein fröhliches, ausgelassenes Nachtleben ist nicht mehr zu denken. Scherben bedecken die Straßen, Stromleitungen hängen herunter, zerstörte Möbel stehen herum. Viele der alten, traditionellen Häuser sind stark zerstört.

„Es bricht einem das Herz, diese Verwüstung zu sehen“, sagt der Architekt George Duwaihi, der in einer Straße steht. Er sei als Freiwilliger hier. „Ich biete meine Expertise an, um diese wunderschönen alten Häuser, die nach der Explosion vom Einsturz bedroht sind, zu renovieren. Sie sind Teil unseres Erbes.“

Ganz in der Nähe, im ebenfalls beliebten Ausgehviertel Dschemmaiseh, sind Freiwillige mit Boxen unterwegs und verteilen Manakisch, eine Art libanesische Pizza. „Wir sammeln Geld und kaufen Essen für die Freiwilligen, die die Häuser und Straße reinigen“, erzählt Silina Jamut, die aus der Küstenstadt Tyre angereist ist.

In Dschemmaisah hat auch die Nonne Nicola al-Akiki die vielleicht schlimmsten Tage ihres Leben durchmachen müssen. Sie ist Leiterin des Wardiah-Krankenhauses, nur rund 500 Meter vom Ort der Explosion entfernt. „Junge Freiwillige haben unsere Klinik vom Schutt befreit und gereinigt“, sagt die Frau, die einst acht Monate in Köln lebte. „Sie sind Engel. Alle Libanesen helfen sich gegenseitig.“

Die Wut auf die politische Elite des kleinen Landes erreichte nach der Explosion einen neuen Höhepunkt. Schon im vergangenen Oktober gab es Massendemonstrationen, bei denen eine grundlegende Reform des politischen Systems gefordert wurde. Die Gegner der Regierung werfen ihr Korruption, Selbstbereicherung und Fahrlässigkeit vor.

Seitdem hat sich die Lage der Menschen im Libanon weiter verschlechtert. Seit Monaten leidet das Land unter der vielleicht schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte. Die Corona-Pandemie verschärfte die Lage weiter. Die Inflation ist explodiert. Viele Libanesen wissen kaum noch, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Die Explosion treibt das Land endgültig an den Rand des Abgrunds.

Viele Libanesen machen die Regierung auch für die gewaltige Explosion verantwortlich. Offenbar lagerten über Jahre große Mengen der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen. Dies soll die gewaltige Explosion verursacht haben. Warnungen wurden Berichten zufolge in den Wind geschlagen. Am Freitagabend ordnete ein Richter die Festnahme von drei leitenden Hafen-Mitarbeitern an, darunter den Direktor und den Chef des Zolls.

Die internationale Gemeinschaft ist bereit, den Libanon in der Krise zu unterstützen. EU-Ratspräsident Charles Michel traf zu Gesprächen mit Staatschef Michel Aoun und anderen Spitzenpolitikern ein, wie der libanesische Präsidentenpalast mitteilte. Der Libanon könne sich auf die Solidarität der EU verlassen, twitterte Michel. „Nicht nur in Worten, sondern auch in konkreten Handlungen für das libanesische Volk.“

Am Sonntag soll die von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angekündigte internationale Konferenz zur Hilfe für den krisenerschütterten Libanon stattfinden - per Videoschalte. Bei seinem Besuch am Donnerstag in Beirut hatte Macron jedoch deutlich gemacht, dass er von der Regierung grundlegende Reformen fordert.


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