Milchkuhhaltung auf der Alm: „Idealismus gehört auch dazu“

Noch wird in Tirol knapp die Hälfte aller Almen mit Milchkühen bestoßen, aber diese Zahl nimmt ab. Dem will das Land mit Förderungen in Höhe von 2,72 Millionen Euro entgegenwirken.

Wollen die Melkalmen im Land erhalten (von links): Almwirtschaftsverein-Obmann Josef Lanzinger, Landeshauptman­n Günther Platter, Bäuerin Sabine Kössler, Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler und Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Hechenberger.
© Foto TT/Rudy De Moor

Von Benedikt Mair

Voldertal – Zwischen Juni und September steht Sabin­e Kössler jeden Morgen um 4 Uhr auf. Sie packt ihre Sachen, setzt sich ins Auto und fährt von ihrem Hof in Tulfes über eine Forststraße, die sich in engen Kurven den Berg hinaufschlängelt, gut eine halb­e Stunde ins Voldertal zur Markisalm. Die Bäuerin geht in den Stall, füttert die Tiere und melkt die zehn Milchküh­e, die den Sommer dort auf 1896 Höhenmetern verbringen, zweimal im Abstand von einigen Stunden. „Am Nachmittag fahre ich ins Tal, erledige die Arbeit zuhause“, sagt Kössler. „Es ist ein Job von Montag bis Montag, von früh bis spät.“

Neben Kössler treiben auch zwei Bauern aus Volders ihre Tiere auf die rund 100 Hektar große Alm. Der Aufwand ist für Landwirte, die ihre Hütten mit Milchkühen bestoßen, besonders hoch. Sie können ihre Tiere nicht lange Zeit alleine lassen, diese müssen täglich mindestens zweimal gemolken werden. Von 2100 bäuerlich bewirtschafteten Almen in Tirol sind knapp die Hälfte (993) Melkalmen. Wenngleich das im Vergleich mit anderen EU-Ländern oder österreichischen Bundesländern ein Spitzenwert ist, nimmt die Zahl auch hierzulande ab – in den vergangenen Jahren um zehn Prozent bei den größeren und sogar 50 Prozent bei den kleinen Milchkuh-Almen.

Die Markisalm im Voldertal ist eine von 993 Milchkuh-Almen in Tirol.
© Foto TT/Rudy De Moor

Ein Trend, den das Land Tirol stoppen will. Insgesamt werden dafür heuer und im kommenden Jahr 2,72 Millionen Euro an Fördergeldern bereitgestellt, teilten Landespolitik und Interessenvertreter gestern bei einer Pressekonferenz mit. Für jede aufgetriebene Milchkuh erhalten Bauern 120 Euro. Bis zu maximal 40 Tieren wird dieser Zuschuss, der vom Tiroler Almwirtschaftsverein abgewickelt wird, gewährt. Das bedeutet, dass jeder Landwirt für seine Alm in Summe bis zu 4800 Euro Prämie beantragen kann.

„Wir sind Almenland Nummer eins in Österreich“, sagt Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). „Die Almen sind ein unverzichtbares Kulturgut. Sie sind Wirtschafts-, Erholungs- und für viele Tiere Lebensraum.“ Diesen gelte es um jeden Preis zu erhalten. Für Landeshauptmann-Stellvertreter und Landwirtschafts-Landesrat Josef Geisler (ÖVP) sind die Almen „das oberst­e Stockwerk des Landes Tirols. Und damit das Stockwerk funktioniert, braucht es jemanden, der sich darum kümmert.“ Der Aufwand dafür sei enorm, reiche „von der Betreuung der Tiere bis zur Instandhaltung von Hütten und Wegen“. Tirols Bauern, sagt Geisler, erfüllen diese Aufgaben vorbildlich. „Von Herzblut allein kannst du aber schwer leben“, rechtfertigt er die neue Milchkuh-Prämie.

Sabine Kössler aus Tulfes (rechts) ist die Almbäuerin und fährt im Sommer täglich um vier Uhr Früh auf die Hütte, um die Tiere zu melken.
© Foto TT/Rudy De Moor

„Der Zuschuss hilft uns finanziell“, meint Josef Lanzinger, Obmann des heimischen Almwirtschaftsvereins. „Und er drückt vor allem auch Wertschätzung aus. Es wird damit nicht gelingen, jede Milchkuh-Alm-Schließung zu verhindern, aber vielleicht einige.“ Wichtig für den materiellen Fortbestand der Betriebe sei freilich, dass die erzeugten Produkte gekauft werden. Seit Neuestem gibt es deshalb ein Siegel der Agrarmarkt Austria (AMA), das es Konsumenten laut Lanzinger erlaubt zu erkennen, was „wirklich von Almen stammt“.

Für den Präsidenten der Tiroler Landwirtschaftskammer (LK) Josef Hechenberger hat sich über Jahrhunderte in Tirol eine „Authentizität der Almwirtschaft entwickelt“. Mit Hütten, Wiesen und allem, was dazugehöre. „Dagegengehalten“ müsse dem Sterben dieser Kulturlandschaft werden. „Dafür braucht es aber die Tiere.“ Und die Kuh-Prämie mache deren Auftrieb auf Almen ein Stück attraktiver.

„Ich bin hauptberuflich Bäuerin“, sagt Sabine Kössler. „Was ich verdiene, reicht zum Leben.“ Milchkühe auf der Markisalm zu halten, gehöre eben dazu. Dass jedoch Nebenerwerbslandwirte oft das Handtuch werfen, die zeitaufwändig­e Melkalmwirtschaft einstellen würden, versteht sie. Auch für sie sei es nicht immer leicht, so früh aufzustehen. „Aber ein bisschen Idealismus gehört auch dazu.“


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