Julia Moretti: „Menschen zeigen in der Krise ihr wahres Gesicht“

Marianne Hengl spricht mit der Oboistin und Bäuerin Julia Moretti über das Gefühl von Freiheit, den Herrgott, Kraftquellen und (tierische) Helden.

Julia Moretti und Marianne Hengl trafen sich für die TT zum Sommergespräch.
© Kristen

Jeden Sommer lädt Marianne Hengl, Geschäftsführerin des Vereins Roll­On Austria, für die Tiroler Tageszeitung beeindruckende Persönlichkeiten zum Interview. In diesem Jahr hat Hengl die Musikerin und Oboistin Julia Moretti auf ihrem Hof getroffen. Die beiden Frauen sind einander freundschaftlich verbunden. Hengl bezeichnet Moretti als eine „überaus tiefsinnige, sehr bodenständige und ganz besondere Frau“.

Marianne Hengl: Wir durchleben bedingt durch die Corona-Krise aktuell eine Phase, die die Menschen in Angst und Ohnmacht versetzt. Welche Schlüsse ziehst du daraus und was verändert sich dadurch im Leben der Familie Moretti?

Julia Moretti: Als bei uns in Österreich die Türen zugingen, war mein Mann (Schauspieler Tobias Moretti, Anm.) noch in Schweden mitten in Dreharbeiten. Tobias konnte Gott sei Dank noch mit dem letzten Flieger heimkommen. Wir haben uns dann mit den Kindern zusammengesetzt und ihnen erklärt, dass wir zwar nicht wissen, was nun auf uns zukommt, aber dass wir unseren Hof zu einem „Hort der Freude“ machen und die aktuelle Situation als Chance nutzen wollen. Wir haben wirklich eine schöne Zeit miteinander erlebt. Wir hatten ja Gott sei Dank viel zu tun. Die Familie erledigte die ganze Feldarbeit zusammen. Es klingt paradox, aber wir haben zu dieser Zeit ein großes Gefühl der Freiheit und Dankbarkeit empfunden.

„Im Leben kommt es nicht darauf an, ein gutes Blatt zu haben, sondern mit schlechten Karten gut zu spielen“, erklärt Hengl.
© Michael Kristen

Hengl: Viele Menschen in führenden Positionen verlassen in Krisenzeiten das sinkende Schiff. Wäre es nicht anständig und moralisch verpflichtend, gerade in Zeiten wie diesen Flagge zu zeigen?

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Moretti: Ich glaube, dass jeder Mensch seine eigene Strategie für schwierige Zeiten hat. Manche reagieren mit Rückzug, manche mit Hysterie. Die Corona-Krise hat vieles sichtbar gemacht. Menschen haben gezeigt, wie sie wirklich sind. Corona war so gesehen ein Aufdecker. Das Gleiche gilt auch für Unternehmen und die politische Landschaft. Bei Engpässen zeigt sich das wahre Gesicht. Aber ich finde, dass in der Krise ganz viele Menschen Flagge gezeigt haben und solidarisch waren. Viele tragen die Maske auch als Zeichen der Solidarität für andere. Viele beweisen, dass wir in gegenseitigem Respekt miteinander leben können.

Hengl: Im Leben kommt es nicht darauf an, ein gutes Blatt in der Hand zu haben, sondern mit schlechten Karten gut zu spielen. In welcher schweren Situation deines Lebens hast du das Beste daraus gemacht?

Moretti: Jeder Mensch erlebt immer wieder mal schwierige Situationen. Im Laufe der Zeit weiß man, was einem gut tut. Bei mir ist es die Musik. Sei es, Musik zu machen oder sie zu hören. Zum anderen tut mir die Natur gut. Ich gehe raus in den Wald, arbeite im Graten. Ich muss auf jeden Fall etwas tun und tun dürfen. Mich ins Bett zu legen, wäre das Falsche für mich. Und ich bete, überall, auch in unserer kleinen Kapelle.

Hengl: Du sagst, dir hilft das Gebet, wenn du traurig bist, wenn es dir mal nicht so gut geht. Was glaubst du, kommt nach dem Leben?

Moretti: Ein anderes Leben. Unsere Seele geht auf Reisen – so habe ich ein Programm von meinem Ensemble genannt. Den Anfang und das Ende bestimmt der Herrgott. Das, was ich dazwischen daraus mache, ist mein Bier. Und was am Schluss übrig bleibt von dem Bier, nimmt die Seele wieder mit. Ich glaube, dass unser Wirken und Sein auf Erden sehr wohl Wirkung hat auf dieses andere Leben.

Hengl: Nicht selten entpuppen sich an ethischen Werten orientierte Leitbilder als reine Lippenbekenntnisse. Mit welcher Lüge, die uns derzeit vorgegaukelt wird, kannst du überhaupt nicht leben?

Moretti: Uns wird in vielen Bereichen suggeriert, dass alles möglich ist. „Hol dir, was dir zusteht“ (ein Wahlkampfslogan des ehemaligen SPÖ-Kanzlers Christian Kern, Anm.) – diesen Spruch fand ich furchtbar. Eine Lüge. Und das von der SPÖ, die eigentlich auf das Soziale schauen müsste. Woher sollen wir denn nehmen, wenn wir nicht alle geben? Wenn im Topf nichts drinnen ist, kann man nichts holen.

Hengl: In der aktuellen Gesundheitskrise steht auch das menschliche Immunsystem im Fokus. Zu welchen Kräutern und Heilmitteln rätst du uns als leidenschaftliche Bäuerin?

Moretti: Ich glaube, dass der Mensch durch seine Lebensführung seine Gesundheit sehr stärken kann. Frische Luft, Bewegung, Glücklichsein sind wichtige Faktoren. Kräuter sind meine Leidenschaft. Für das Immunsystem kann ich zu Bitterkräutern raten. Der Darm liebt Bitteres. Aber natürlich alles mit Maß, sonst kann sogar Gesundes schädlich sein. Die Natur bietet alles. Mit Intuition und ein bisschen Wissen kann sie sehr heilsam sein.

„Für mich sind Menschen ein Vorbild, die sich selbst zur Verfügung stellen“, sagt Julia Moretti.
© Michael Kristen

Hengl: Du begegnest vielen Menschen, die im Rampenlicht stehen. Für viele davon ist „Nächstenliebe“ ein Fremdwort. Das weiß ich leider aus eigener Erfahrung. Kann man bei einem Smalltalk immer authentisch und ehrlich sein?

Moretti: Zunächst einmal muss man zwischen Nächstenliebe und Authentizität unterscheiden: Nächstenliebe ist für mich etwas anderes, als im Smalltalk authentisch zu bleiben. Wir sind immer wieder mal in größeren Runden, wo sich viele Menschen mit uns unterhalten. Meine Strategie: Selbst wenn ich zu einer Veranstaltung muss, wo ich nicht unbedingt hinmag, denke ich mir immer: Es wird heute Abend mindestens einen Menschen geben, der es wert war, dass ich hingegangen bin. Und es ist mir bislang immer noch gelungen, dass ich ein schönes Gespräch mit nach Hause nehme.

Hengl: Hast du ein Vorbild? Wer inspiriert dich?

Moretti: Für mich sind Menschen ein Vorbild, die sich selbst zur Verfügung stellen. Für ein Ideal, für die Gemeinschaft, für ihre Familie, für ihre pflegebedürftige Schwiegermutter. Und dabei trotzdem fröhlich und zuversichtlich bleiben. Das sind meine persönlichen Heldinnen und Helden. Oder aber mein Hund Franz, der von seiner Hühnerattacke schwanzwedelnd mit einer Unschuldsmiene zurückkommt. Der verliert auch nie seinen Humor.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Denise Daum


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