Charles Bukowski: Schreibend dem Leben eins auswischen

Am Sonntag jährt sich Charles Bukowskis Geburt zum 100. Mal. Frank Schäfer wagt eine alphabetisch geordnete Annäherung an den Autor.

Charles Bukowski schrieb bisweilen schwer zumutbare Texte über die Unzumutbarkeiten der Welt.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck – „Bukowski muss man durchgemacht haben“, schreibt Frank Schäfer – fraglos autobiografisch grundiert – in seinen nun erschienenen „Notes on a Dirty Old Man“. „Zumindest als hormonell herausgeforderter männlicher Heranwachsender. Wer ihn danach noch braucht, ist entweder jung geblieben – oder wirklich literarisch interessiert.“ Dem würden manche widersprechen: Dass Charles Bukowski ein genialer Schriftsteller sei, sei ein „deutsches Missverständnis“, konnte man vor einigen Jahren in der Tageszeitung Die Welt lesen. Und dass sich in seinem Werk „kein einziger interessanter Satz“ fände, auch. Darüber darf man dann doch die Stirn runzeln. Selbst wenn man Bukowski die Genialität abspricht, was fraglos kein Fehler ist, interessante Sätze finden sich zuhauf. Manche sind sogar so interessant, dass es fast schade ist, dass sie von Bukowski stammen. Weil den Sätzen und ihrer Strahlkraft das Bukowski-Klischee – das Verlebte und Versoffene, der ganze Schweinkram und die runtergerockte Rennbahn-Romantik – im Weg stehen. Wenn er etwa, in einer seiner „Dirty Old Man“-Kolumnen, ganz konkret mit den Selbsttäuschungen des „Summer of Love“ und mit den inneren Widersprüchen selbsterklärter Gegenkultur abrechnet: „Ein paar Jahrhunderte lang dachte man, der christliche Glaube sei die Antwort auf alles. Nachdem man die Christen den Löwen vorgeworfen hatte, ließ man sich von ihnen den Hunden vorwerfen. Dann sagte man sich, der Kommunismus sei vielleicht für den Bauch des Durchschnittsmenschen ein gewisser Fortschritt. Aber da ging wieder die Seele leer aus. Jetzt spielt man mit Drogen herum und glaubt, da würde sich die eine oder andere Tür auftun. Die im Osten haben das Zeug schon lange vor der Erfindung des Schießpulvers gefressen. Sie kamen drauf, daß man weniger leidet und schneller stirbt.“ Von dieser nüchternen Feststellung zum mit großem Getöse proklamierten Ende der Großen Erzählungen ist es ein kurzer Weg. Bloß: Für das Getöse, für Literarizitäts-Debatten und Formfragen hat sich Bukowski wenig interessiert. Auch dafür finden sich in Frank Schäfers Buch, das sich dem Autor und seinen Texten, dem Menschen genauso wie dem Mythos, durch alphabetisch geordnete Schlagworte nähert, Belege ohne Zahl.

Bukowski, dessen Geburt sich an diesem Sonntag zum 100. Mal jährt, schrieb im Wissen, dass nicht alles gelungen ist, das er in seine Maschine hackte. Er schrieb, wenn man so will, trotzdem. Weil sich Geld damit verdienen ließ – und weil die Welt auch nicht anders wäre, wenn er nicht schriebe. Im Gegenteil: Offensichtlich ließ es sich schreibend etwas leichter leben. „Allein das Geräusch der Schreibmaschine vermittelt mir eine Art Beständigkeit, die vieles heilt, bis sich die Summe aus Fehlern und Glücksgriffen tatsächlich besser liest und besser anhört als vorher. Nicht, dass dies in irgendeiner Weise wichtig wäre. Eben nur dieses Tack-Tack-Tack.“

Mit dem Genialen oder Genialistischen, das ernste Literatur nur allzu gern für sich beansprucht, hatte Bukowski, der schrieb, um dem Leben eins auszuwischen, nichts am Hut. Gerade deshalb fielen seine Texte – zumeist übersetzt vom großen Untergrund-Vermittler Carl Weissner – in Deutschland auf so fruchtbaren Boden. Zumal sich Bukowski, der als Sohn eines US-Soldaten ziemlich zufällig in Andernach am Rhein auf die Welt kam, sogar eingemeinden ließ. Ein Teil seines Erfolgs – in Deutschland waren Bukowskis Auflagen höher als in den USA – war zudem dem Umstand geschuldet, dass Weissner Bukowskis Texte in überschaubaren Dosen veröffentlichte: Dadurch fielen die Redundanzen und plumpen Sexismen, aber auch das Geprotze (und die so überspielten Demütigungen) der Texte weniger auf – und wurden von der unmittelbaren Schnoddrigkeit der Sprache weggerissen.

Eine Zeitlang war Bukowski als Gegenmodell zum Gehabe der Großliteratur und zur Bedeutungsschwere des bieder-bürgerlichen Feuilletons durchaus stilbildend. Man konnte also auch anders schreiben: direkter, dreckiger, schamloser. Natürlich spielte Charles Bukowski bisweilen den Clown im überernsten Literaturzirkus, wenn er sich etwa in Bernard Pivots hochgeistiger Sendung „Apostrophes“ vor laufender Kamera maßlos betrank, zeitigte das den von Pivot erhofften Effekt: Er konnte etwas Exotisches vorführen, einen Gossenpoeten.

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Bukowski starb 1994 an den Folgen einer Lungenentzündung. Im Jahr seines 100. Geburtstags ist er selbst aus den besser sortierten Buchhandlungen beinahe ganz verschwunden. Unschuldig lesen lassen sich seine Gedichte und Prosaarbeiten in Zeiten hyperaktiver Empörungslust kaum noch. Darauf weist auch Frank Schäfer in seinem Bukowski-ABC hin, plädiert aber dafür, sich dem „Dirty Old Man“ trotzdem auszusetzen. Schließlich verschwindet das nach wie vor Unzumutbare aus der Welt nicht, nur weil man den literarischen Kanon ins harmlos Reine rettet.

Frank Schäfer: Notes on a Dirty Old Man. Zweitausendeins, 260 Seiten, 18,40 Euro.


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