„Generation haram“: Erkurts Hilferuf für „Bildungsverlierer“

Teils katastrophale Deutschkenntnisse, geringer Selbstwert, wenig Perspektive - es ist ein düsteres Bild, das Melisa Erkurt in ihrem Buch „Generation haram“ von vielen in Österreich geborenen und aufgewachsenen migrantischen Schülern aus bildungsfernen Familien zeichnet. Die Gründe sind für die Journalistin und Lehrerin widrige Bedingungen und ein Schulsystem, das diese fallen lässt.

„Hier wächst eine Generation ohne Sprache und Selbstwert heran, der keiner zuhört, weil sie sich nicht artikulieren kann“, warnt Erkurt in ihrer engagierten Verteidigungsschrift für die „Verlierer dieses Bildungssystems“. Sie selbst hat es trotz „falschem Migrationshintergrund“, wie sie es nennt, geschafft: Erkurt ist selbst 1992 als „muslimisches Flüchtlingsmädchen mit Arbeitereltern“ während des Jugoslawienkriegs aus Bosnien-Herzegowina nach Österreich gekommen. Während ihre Cousins nach der Volks- in der Sonderschule landeten, hat sie ein Studium abgeschlossen und arbeitet als Lehrerin und Journalistin.

Damit ist sie allerdings die Ausnahme - und das Gefühl, trotzdem nicht dazuzugehören, ist ihr nach vielen Diskriminierungserfahrungen bis zum Uni-Abschluss geblieben. „Auch die bestausgebildeten Migrantinnen und Migranten stoßen in Österreich immer noch an eine gläserne Decke.“ Die meisten ihrer migrantischen, vielfach muslimischen Schüler werden nie ausreichend gut Deutsch sprechen und schreiben, um ihr vorgezeichnetes Schicksal zu durchbrechen, so Erkurts Prognose.

Sie baut dabei nicht nur auf ihren eigenen Erfahrungen, Befragungen von Kindergartenpädagogen oder Lehrern und Fachliteratur auf. Die Deutsch- und Psychologie/Philosophie-Lehrerin hat drei Jahre lang ein Schulprojekt an Wiener Brennpunktschulen geleitet. Wie dort Burschen mit dem Ruf „haram!“ („verboten“ im Islam) den Alltag ihrer muslimischen Mitschüler einschränken, hat sie unter dem unter dem Titel „Generation haram“ 2016 in einer Reportage für das Migrantenmagazin „Biber“ geschildert und wurde damit prompt selbst zur öffentlichen Figur. Ab 2018/19 hat Erkurt außerdem an AHS mit überwiegend migrantischen Schülern unterrichtet.

In ihrem Buch berichtet Erkurt von Taferlklasslern, die nicht einmal die Farben benennen können und noch nie in ihrem Leben schwimmen waren, die in der Schule zum ersten Mal ein Buch in Händen halten und keine Berufe kennen, weil in ihrer Familie niemand arbeiten geht. Sie schreibt von Volksschülern, die kaum Vokabular und keine Grammatik kennen und von Gymnasien, deren Niveau sich wegen der schlechten Deutschkenntnisse der Schüler wenig von dem einer NMS unterscheidet.

Viele dieser Probleme sind zur Genüge bekannt, Erkurt bemüht sich um Erklärungsansätze für all das: Sie schildert Armut in den Familien, das „Doppelleben mit Doppelbelastung“ von Schülern mit Migrationshintergrund, die selten eine unbeschwerte Kindheit haben und zu früh erwachsen werden müssen, wenn sie kleine Geschwister beaufsichtigen oder für Eltern bei Amtswegen den Übersetzer geben müssen. Die Sprachlosigkeit dieser Kinder hat für Erkurt auch viel mit der Haltung der Mehrheitsgesellschaft zu tun, etwa wenn ihre Muttersprache vor allem als Hindernis am Weg zum Deutschsprechen dargestellt statt wertgeschätzt wird. Durch Zuschreibungen von Rollenbildern, Diskriminierung und Geringschätzung ihrer Sprache und Kultur werde das Selbstbild der Kinder und Jugendlichen weiter geschädigt.

Die widrigen Umstände in vielen dieser Familien würden nur zu gerne übersehen, gerade im medialen Diskurs, aber auch von den vielfach unter völlig anderen Bedingungen sozialisierten Lehrern: Viele Eltern haben weder das Geld noch die Möglichkeiten, die Schüler zu unterstützen, betont Erkurt. „Wir können an den Startbedingungen dieser Kinder nichts ändern, aber wir dürfen sie nicht dafür bestrafen. Wir müssen die Schule an sie anpassen, umgekehrt wird es nicht klappen, da kann man sich noch so viele Sanktionen für die Eltern der Kinder überlegen.“

Immerhin habe gerade die Corona-Pandemie besonders deutlich gezeigt, dass im derzeitigen Schulsystem nur Schüler aus einem bildungsnahen Elternhaus eine Chance haben - und das seien eben meist Kinder ohne Migrationshintergrund. Der einzelne Lehrer kann dabei oft wenig ausrichten, zu groß sind die Entwicklungsunterschiede, mit denen die Kinder bereits in die Volksschule kommen. Und in der Ausbildung lernen Lehrer laut Erkurt noch immer nicht, wie man Kinder mit größeren Lerndefiziten fördern kann.

Wie die Lösung aussehen könnte? Entscheidend ist für Erkurt eine verpflichtenden Gratis-Ganztagsschule, die so attraktiv ist, dass dort eine wirkliche soziale Durchmischung stattfindet. Sie fordert außerdem eine gezielte Anwerbung von Lehrern mit Migrationshintergrund und Schulungen für Pädagogen zum Thema Diskriminierung, einen völlig neu konzipierten Deutschunterricht, in dem auch Literatur aus den Herkunftsländern der migrantischen Schüler ihren Platz hat - und eine Migrantenquote für Führungspositionen etwa in Politik und Medien. Diese würden „Vorbilder kreieren, Motivation schaffen, zeigen, dass es gelingen kann“.

(S E R V I C E - Melisa Erkurt: „Generation haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“, Zsolnay Verlag, 192 Seiten, 20,60 Euro)


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