„Kein falsches Wort jetzt“: Der Radikalmoderator spricht

Im neuen Gesprächsband „Kein falsches Wort jetzt“ kommt Querdenker Christoph Schlingensief anlässlich seines zehnten Todestags in 33 Interviews nochmals zu Wort.

Atemloser Künstler: Christoph Schlingensief verstand Gespräche mit der Presse als erweiterte Bühne.
© imago

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Die meisten interpretieren seine Arbeit im Kunstraum retrospektiv gesehen ganz klar als „Abschiedsraum“. Christoph Schlingensief realisierte 2008, zwei Jahre vor seinem Tod, in Innsbruck „Der König wohnt in mir“. In sechs Kojen wurde eine Krankengeschichte nachgestellt, thematisch gefärbt von einer Reise des Künstlers nach Nepal. Geprägt war die Arbeit vor allem vom eigenen Schicksal: Die Innsbruck-Schau wurde in Abwesenheit ihres Schöpfers eröffnet – Anfang 2008 erhielt der Regisseur, Theatermacher und Universalkünstler, der durch seine ehemalige Partnerin Carmen Brucic gute Kontakte zu Tirol pflegte, die Krebsdiagnose. Er starb mit 49.

Heute, anlässlich des morgigen zehnten Todestages des Grenzüberschreiters, erscheint „Kein falsches Wort jetzt“, ein Gesprächsband, herausgegeben von seiner Witwe Aino Laberenz. Auf 336 Seiten kann man dort Schlingensief beim Denken und Sprechen zuhören. Interviews habe er stets als erweiterte Bühne empfunden, schreibt Laberenz in ihrem Vorwort. Das wird in den 33 ausgewählten Gesprächen mit großen, aber auch kleinen Medien augenscheinlich. Im atemlosen Stream of Consciousness scheinen die Antworten des Künstlers nur so zu sprudeln. Völlig unhierarchisch: Jedem Gesprächspartner widmet er die gleiche Aufmerksamkeit. Ständig auf Sendung und ständig am Kommunizieren – was nicht heiße, dass er verstanden wird, beschreibt Dietrich Diederichsen im Nachwort das Vorgehen Schlingensiefs. Der Radikalmoderator spricht.

Schlingensief nutzte seine erweiterte Bühne aber auch, um seine Leidenschaft für die Kunst zu vermitteln – auf der Rolle des Paradeprovokateurs etwa, die ihm auch von den Medien nur allzu gern zugeschrieben wird, wollte er nie sitzen bleiben: „Ich kann nicht bestreiten, dass mich das ziemlich langweilt, wenn Leute wollen, dass ich auf dem Tisch tanze und jeder ein kleines Provokationspaket mit Neonazis und Hamlet oder einem Container bei mir bestellen will. Wie so ein Großhandelslager für Provokationen“, meinte er 2002. Und bereits 1993 beschrieb er Harald Martenstein sein Wirken an der Berliner Volksbühne im Rahmen des Stückes „100 Jahre CDU-Spiel ohne Grenzen“ eher als „Erfrischung“ denn als Provokation.

Als die Volksbühne und die großen Theater im deutschsprachigen Raum – Hamburg, Zürich oder Wien – auf den Querdenker aufmerksam wurden, hatte er bereits eine Karriere als Filmemacher hinter sich. 1984 realisierte er den ersten Spielfilm „Tunguska – Die Kisten sind da“, den er damals noch als Werk mit rotem Faden darstellt, „der aber ständig aufhört“. Um das Filmemachen, ja den Neuen Deutschen Film, drehen sich folglich seine ersten Gespräche mit der Presse.

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Anfang der Neunziger wechselt er auf die große Bühne und damit vor die große Öffentlichkeit. In Interviews trifft er jetzt zunehmend auf Weggefährten: Mit Sibylle Berg etwa unterhält er sich 1996 über Frank Castorf und Rudi Dutschke, mit Benjamin von Stuckrad-Barre 1998 über sein Partei-Projekt „Chance 2000“, das weit über die bundesdeutschen Grenzen hinaus hohe Wellen schlug.

Die größte Kontroverse rief Schlingensief in Österreich aber mit der Container-Aktion „Bitte liebt Österreich“ 2000 anlässlich der Wiener Festwochen hervor: Begleitet von riesigem öffentlichem Interesse ließ Schlingensief zwölf von ihm als Asylwerber anmoderierte Bewohner in einen von „Big Brother“ inspirierten, kameraüberwachten Container ziehen. Allabendlich verließen zwei Bewohner das temporäre Zuhause in Richtung Heimatland. Abgeschoben. Auf dem Containerdach reagierte das Banner „Ausländer raus“ unmittelbar auf die Rhetorik von Jörg Haider und Schwarz-Blau eins. Seine Enthüllung bei der Eröffnung sei für ihn der schönste Moment der Aktion gewesen, sagte Schlingensief damals dem Falter. Aber auch ein überraschender: „Das war schon extrem unangenehm und obszön: Da stehen Touristen, Ausländer, Sympathisanten und wohlwollende Theaterleute, die plötzlich losjubeln, wenn ein Transparent entrollt wird, auf dem ‚Ausländer raus‘ steht. Das Obszöne ist mannigfaltig und liegt im Widerspruch.“

Am Container-Projekt lässt sich die Relevanz seines Oeuvres bis heute nachzeichnen. Wie würde Schlingensief heute auf Populismus, Fake News und eine EU in der Krise künstlerisch reagieren? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Seine letzten Antworten, etwa 2009 in einem berührenden Gespräch mit Eva Behrendt, gab er zu seiner Krebserkrankung. Ohne aber auf die Kunst zu vergessen: „Ich gieß’ ja jetzt gerade auch diesen Krebs in eine Form. Ich gieße gerade meine soziale Skulptur“, so Schlingensief. „Ich bin der Bildhauer. Und ich arbeite am erweiterten Krankenbegriff.“

Interview-Band: Kein falsches Wort jetzt. Aino Laberenz (Hrsg.) 336 Seiten, 23 Euro.


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