Oft Totgesagte kämpfen um Überleben: Bedrohliche Entwicklung für Kinos

Filmstarts wurden verschoben und Filme umetikettiert: Corona beschleunigte auch in der Kinobranche bedrohliche Entwicklungen.

Nach gut fünf Monaten wollen an diesem Wochenende auch in den USA erste Kinos wieder öffnen.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck – „Das Kino ist eine Erfindung ohne Zukunft.“ Dieser Satz wird Louis Lumière zugeschrieben, der den Kinematografen Ende des 19. Jahrhunderts mitentwickelt hat. Seither wurde das Kino immer wieder totgesagt – und hat sich dafür erstaunlich gut gehalten. Es trotzte dem Fernsehen und koexistierte in den vergangenen Jahren – mal mehr, mal weniger harmonisch – mit der Streaming-Konkurrenz.

Doch Corona zwang auch die laufenden Bilder zum Stillstand. Weltweit waren die Lichtspielhäuser wochenlang zu. In den USA – Heimatmarkt der an Globalgewinnen orientierten Filmbranche – sind für dieses Wochenende erste Wiedereröffnungen in 40 Bundesstaaten angekündigt. Die Entertainment-Epizentren in Los Angeles und New York bleiben bis auf Weiteres geschlossen.

Der kinematografische Shutdown hat Folgen: Filmstarts wurden weit ins kommende Jahr verschoben. Das schon vor Corona finanziell taumelnde Traditionsstudio Paramount etwa hält Tom Cruises Rückkehr zur Überschallgeschwindigkeit um zwölf Monate zurück: „Top Gun: Maverick“ soll erst am 4. Juli 2021 starten.

Andere Studios gingen andere Wege: Universal etwa etikettierte Kinofilme fürs Heimkino um – und landete mit der „Trolls World Tour“ einen millionenfach entgeltlich gestreamten Hit. Hinter dieser Corona-Notlösung darf virusfreie Absicht vermutet werden: Am exklusiven Auswertungsfenster fürs Kinos störte sich das Studio schon seit Langem. Nach kurzem Scharmützel mit US-Kinobetreibern wurde dieses nun tatsächlich von 75 auf 17 Tage verkürzt. Die Kinos kündigten zwar zunächst einen Universal-Boykott an, doch die Drohung wollte in Zeiten geschlossener oder durch neue Sicherheitsauflagen an den Rande der Rentabilität getriebener Säle nicht so recht greifen. Für Filme, die nicht gut etablierte Vorlagen weitererzählen (egal ob nun Marvel-Comics oder „Jurassic Park“) oder mittels Marketing-Millionen ins öffentliche Bewusstsein geprügelt werden, wird es im Kino zunehmend enger. Jedenfalls in Übersee. Aber dass vergleichbare Fristenregelungen auch hierzulande immer wieder zur Diskussion stehen, ist kein Geheimnis.

Auch auf dem Kinomarkt ist Corona Brennglas für bislang wenig bedachte Entwicklungen: Das Gros der globalen Einspielergebnisse verteilt sich seit Jahren auf immer weniger Filme. Und weil die immer teurer werden, müssen sie auch immer mehr einspielen, um überhaupt noch Gewinne abzuwerfen. Man muss kein Ökonom sein, um das Teufelskreishafte an der Situation zu erahnen: Floppt eine Großproduktion, kollabiert das System. Auf die verhängnisvolle Verdichtung von Etat und erwartetem Einspielergebnis hat Steven Spielberg schon vor Jahren hingewiesen – und das Sterben des mittelständischen, sprich nicht für das größtmögliche Publikum zurechtgeplanten Films beklagt.

Solche Filme werden inzwischen von Streamingdiensten wie Net­flix finanziert. Was diesen zwar Prestige in Form von Preisen bringt, aber nicht davon ablenken darf, dass sich Netflix und Co. den Luxus nur leisten, solange sie mit leicht Verdaulichem in allen Konventionsgrößen ausreichend Kleingeld fürs Couch-Kino generieren.

Das große Filmeverschieben und die damit einhergehende Unsicherheit in den USA hat auch Auswirkungen auf Europas Vorführbetriebe. In Frankreich fuhren die Kinos vor gut einem Monat langsam wieder hoch. Jetzt haben die kommerziellen Ketten wieder dichtgemacht. Weil die Kracher aus Übersee fehlen. Auch Österreichs größter Kinobetreiber, die Cineplexx-Gruppe, sieht sich – laut eigener Aussendung – an einem „chancenreichen, aber auch gefährlichen Wendepunkt“. Im Interview mit dem Standard versucht sich Cineplexx-Geschäftsführer Christof Papousek in leisem Optimismus – und hofft auf „Rückverschiebungen“. Die Filme seien ja „fertig und liegen bereit“.


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