Geschichte Tirols: Stolze Menschen in ihren besten Kleidern

Dieses um 1924 entstandene Foto zeigt rechts Anton Heubachers Schwester Margret.
© heubacher

Innsbruck – Mit zu den eindrücklichsten Erinnerungen an sein Aufwachsen in Piller zählen für Christian Streng die Fotos, die praktisch in allen Stuben des kleinen, weil schlecht erschlossen und von der übrigen Welt isoliert auf fast 1400 Metern Seehöhe liegenden Bergbauerndorfes hingen. Gerade so, als wären sie immer schon da gewesen, wie Streng in dem Buch schreibt, das er Anton Heubacher (1872–1955) widmet, der nicht nur ein großartiger Fotograf, sondern zwischen 1904 und 1924 auch Pfarrer von Piller war.

Die Landschaft oder die nicht selten ins späte Mittelalter zurückgehenden bäuerlichen Architekturen waren nur ein Nebenschauplatz in Heubachers Fotografie. Sein ganzes Interesse galt den Menschen. Angetrieben vom konzeptuellen Ansatz, ausnahmslos alle seine „Schäfchen“ zu fotografieren. Die Lebenden genauso wie die Toten, sofern er sie nicht schon zu Lebzeiten verewigt hatte.

Es sind reizvoll inszenierte Fotografien, die auf diese Weise entstanden sind. Meist stellte oder setzte Heubacher seine Gegenüber vor sein Widum, nur selten vor ihre eigenen Häuser, bisweilen war auch eine mythisch aufgeladene Waldlichtung der Ort der Fotoshootings. Dafür haben sich die Dorfbewohner in ihre besten Kleider geworfen – die praktisch nie eine Tracht sind –, die Frauen haben ihren Schmuck angelegt, die Männer sich eine Blume ins Knopfloch gesteckt. Es sind einfache, aber stolze Menschen, die allein, in kleinen Gruppen oder als Großfamilie meist ernst und frontal in die Kamera blicken. In sorgsam komponierten Schwarz-Weiß-Bildern, die so gar nicht dem besonders während der NS-Zeit so gern beschworenen Klischee des bäuerlichen Menschen entsprachen, das vielfach noch heute im touristischen Kontext ausgeschlachtet wird.

Leider ist ein Großteil der Fotos bzw. Glasnegative Heubachers zerstört. Auch dieser unseligen Geschichte geht Streng in seinem Buch nach, leicht verschwörungstheoretisch angehaucht ausgebreitet vor der Geschichte Tirols der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bzw. ihrer Strippenzieher in Politik und Wirtschaft. (schlo)

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