(Sprach-)radikal mit 95: Friederike Mayröcker las im MQ

„Schreiben ist mein Leben“, sagte Friederike Mayröcker. Es war einer von wenigen Sätze, die sie mit Moderator Klaus Kastberger am Donnerstag beim O-Töne-Festival im Wiener Museumsquartier wechselte. Routiniert las die 95-Jährige dann aus ihrem neuen sprachlich radikalen „Proem“ „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“. Neo-Autor Sebastian Janata erzählte aus einem mythisierten Burgenland.

Den Zeitplan des Abends stellten die Veranstalter für Mayröcker auf den Kopf. Als Hauptact hätte sie zunächst eigentlich Janatas Auftritt abwarten sollen; das wollte man der betagten Schriftstellerin aber dann doch nicht antun. Mayröcker kam schließlich mit Rollator auf die Bühne der Halle E und nahm neben Kastberger Platz. „Sie ist wirklich da“, kommentierte dieser erfreut. „Ich war ein Mädchen mit schwarzen Haaren und blauen Augen“, las Mayröcker später, die schwarze Haarpracht trägt sie auch heute noch. Ihr Mikrofon wollte erst nicht so recht funktionieren, es dauerte ein Weilchen, bis es sich nah genug an ihrem Mund befand.

Jedoch war es der Moderator, der in Mayröckers Werk einführte, in die ungewöhnliche Syntax, die eigenwillige Interpunktion und die Datumsangaben, die dem „Proem“ - einer von ihr gepflegten Mischung aus Prosa und Lyrik - „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ wieder etwas Tagebuchartiges verleihen. Über die schrieb sie dieses Mal aber auch hinaus: „Ich habe das Gefühl, so kann man nicht enden. Man muss Atem schöpfen und weiterschreiben.“

Sie selbst nähere sich heute immer mehr der bildenden Kunst an. Die sprachliche Radikalität und ungewöhnliche Syntax blieb, Mayröckers eigenwillige Interpunktion auf dem Papier verschwand, als sie zu lesen begann. Wenn sie vorträgt - dabei wirkte sie weit weniger zurückhaltend als noch bei der Vorstellung durch den Moderator - entstehen sofort Bilder im Kopf. Vom Küssen, von Kindheit, von der Schönheit der Sprache, von Farben, vom Frühling und Sommer, aber auch vom Leid las die 95-jährige. Vor einer Zugabe meinte sie nur schüchtern: „Wenn das Publikum will.“

Etwas weniger Lese-Routine hat da schon Sebastian Janata, dessen Debütroman „Die Ambassadorin“ einen Einblick in ein Burgenland voller uralter Verschwörungen, Familiengeschichten und Grumpirn-Äcker gibt. Janata, der zuvor unter anderem bei der Band „Ja, Panik“ am Schlagzeug saß, beschrieb im Buch seinen Heimatort, der zwischen zwei Hügeln, vulgo „in der Arschritze“ liegt. In diesem Sinne erzählte der in Berlin lebende Janata nicht gerade euphorisch vom Burgenland. „Liebe wäre zu viel“, sagte er, „ich habe aber absichtlich verhindert, zu viel zu schimpfen“. Er habe nicht noch ein Thomas Bernhard-Wannabe sein wollen.

Das Publikum durfte den Corona-Regeln folgend geordnet abziehen, nachdem Janata und Mayröcker beendet hatten. Letzterer sicherte Kastberger noch den Literaturnobelpreis zu. „Ich werde das nicht erleben“, erwiderte Mayröcker. „Du wirst das erleben“, konterte er. Man will es hoffen.


Kommentieren


Schlagworte