Nach Angriff auf Rosen: Ermittlungsgruppe eingerichtet

Nach dem tätlichen Angriff auf den Präsidenten der jüdischen Gemeinde Graz, Elie Rosen, am Samstagabend sucht nun die Ermittlungsgruppe „Achava“ nach dem Täter. Er soll für zumindest sieben Delikte verantwortlich sein - darunter auch eine Sachbeschädigung beim schwul-lesbischen Verein Rosalila PantherInnen. Am Sonntagabend nahmen rund 200 Menschen in Graz an einer Solidaritätskundgebung teil.

Die Staatsanwaltschaft Graz veröffentlichte am Sonntag Bilder der Überwachungskamera: Sie zeigen jenen Mann, der am Mittwoch und in der Nacht auf Samstag die Außenwand der Synagoge beschmiert bzw. Betonteile gegen die Fenster des Gebäudes geworfen hatte. Es handelt sich um einen 20 bis 35 Jahre alten Mann. Er ist etwa 1,70 Meter groß, schlank mit schwarzem Vollbart.

„Achava“ ist hebräisch und bedeute Brüderlichkeit, schilderte Rupert Meixner, Chef des Landesamtes Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT). Er erklärte: „Es handelt sich nicht nur um einen antisemitischen, sondern auch um einen homophoben Täter.“ Während die Ermittlungsgruppe nach dem Verdächtigen sucht, es dürfte sich nach vorläufigem Erhebungsstand um einen Einzeltäter handeln, werden die Synagoge sowie auch Präsident Rosen beschützt. Auch das Vereinslokal der Rosalila PantherInnen werde bewacht. Die Streifenaktivität in der Innenstadt wurde verstärkt.

Insgesamt werden dem Täter bisher sieben Delikte zugeschrieben: Sachbeschädigungen durch Steinwürfe oder Schmieraktionen, in einem Fall soll er es auch auf ein Etablissement im Rotlichtmilieu abgesehen haben. Eine Spur oder ein konkreter Hinweis, der zu dem Mann führen könnte, lag Sonntagmittag vorerst nicht vor, sagte Meixner.

Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP) zeigte sich beim Pressegespräch in der Grazer Burg betroffen: „Was sich in den letzten Tagen in Graz abgespielt hat, ist menschenverachtend und zutiefst verwerflich. Antisemitismus hat in der Menschenrechtsstadt Graz und in der Steiermark, ein Land der Vielfalt, auch der Religionen und Kulturen, nichts zu suchen.“

Seit dem Zweiten Weltkrieg sei die jüdische Gemeinde in Graz nicht mehr derart angegriffen worden. Daher gebe es nun den „Schulterschluss“ zwischen Stadt und Land über Parteigrenzen hinweg, erklärte Schützenhöfer mit Blick auf den Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP), LHStv. Anton Lang (SPÖ) und Vizebürgermeister Mario Eustacchio (FPÖ), die alle beim Pressegespräch ebenfalls ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde zum Ausdruck brachten.

Elie Rosen sagte am Tag nach dem tätlichen Angriff auf ihn: „Ich glaube jede physische Attacke hat, auch wenn sie keine physischen Folgen hat, durchwegs einen psychischen Impact. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es geht mir ganz locker. Ich bin dabei das zu verarbeiten. Es ist nicht nur die physische Attacke gegen mich, sondern die Attacken gegen die jüdische Gemeinde per se. Wir werden uns nicht unterkriegen lassen und ich auch nicht. Wir schauen positiv in die Zukunft.“

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) hat noch Samstagabend mit Rosen Kontakt aufgenommen: „Ich hatte gestern ein gutes Gespräch mit Elie Rosen. Es gibt einen engen Schulterschluss zwischen den Sicherheitsbehörden und der israelitischen Kultusgemeinde.“ Neben den Ermittlungen haben Verfassungsschutz und Cobra den routinemäßigen Personen- und Objektschutz bei jüdischen Einrichtungen verschärft. „Sämtliche jüdische Einrichtungen werden verstärkt überwacht“, so Nehammer.

Die in Deutschland ansässige Konferenz der Europäischen Rabbiner bemängelte indessen nach dem Angriff Rosen das Vorgehen der österreichischen Behörden. Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt kritisierte laut Nachrichtenagentur dpa, dass diese mit Blick auf frühere Ereignisse nicht unverzüglich für Sicherheit gesorgt hätten. Einmal mehr sei eine rote Linie überschritten worden, ließ Goldschmidt in einer Aussendung wissen. „Im Europa des 21. Jahrhunderts ist das leider traurige Realität geworden, indem sich der Hass auf Juden und auch auf Israel verbal, physisch sowie digital seinen Weg bahnt.“

Bei der Solidaritätskundgebung marschierten die Menschen vom Grazer Hauptbahnhof zur Synagoge und sangen: „Schulter an Schulter gegen Rassismus“. Auf den Schildern und Plakaten war zu lesen „Never again“ oder auch „Never forget, never again“. Aus dem Lautsprecher dröhnte beispielsweise „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten. Die Kundgebung wurde von den Jüdischen österreichischen HochschülerInnen (JöH) organisiert und auch zahlreiche Regional- und Lokalpolitiker nahmen daran teil: Soziallandesrätin Doris Kampus (SPÖ), Kulturstadtrat Günter Riegler (ÖVP), die KPÖ-Stadträte Elke Kahr und Robert Krotzer, Grünen-Stadträtin Judith Schwentner und ihr Klubobmann Karl Dreisiebner, SPÖ-Chef Michael Ehmann und NEOS-Klubobmann Niko Swatek.

Lara Guttmann, Sprecherin der JöH aus Wien, bedankte sich bei den Teilnehmern für das „Zeichen gegen Ausgrenzung und Rassismus“. Sie meinte, dass es „nicht die Tat eines verwirrten Einzeltäters“ gewesen sei, sondern Antisemitismus sei ein politisches System. Sie bedauerte in ihrer Ansprache, dass etwa die jüdische Schule in Wien mehr einem Gefängnis als einer Schule gleichen müsse - zum Schutz der Schüler. Manche der Redner kritisierten auch einen vermeintlich zu laschen Einsatz der Polizei nach den ersten Anzeichen in Graz.


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