Alpbacher Gesundheitsgespräche: Covid-19-Fonds benötigt

Zwölf Prozent Todesfälle in Österreich wären vermeidbar. Die Kassenmedizin ist auf dem Rückzug. Für die Zukunft benötigt das Gesundheitswesen einen Covid-19-Fonds, um sich aus der Krise „herauszufinanzieren“. Das ist das Ergebnis einer Analyse der Gesundheitsökonomen Maria Hofmarcher und Christopher Singhuber, die am Montag im Rahmen der Alpbacher Gesundheitsgespräche präsentiert worden ist.

Hofmarcher und ihr Co-Autor (HealthSystemIntelligence) haben mit ihrem neuen Report mit Unterstützung von Philips zum vierten Mal eine Analyse des österreichischen Gesundheitssystems auf Bundesländerebene durchgeführt. „Erstmals haben wir die vermeidbare Sterblichkeit vor dem 75 Lebensjahr (vorzeitige vermeidbare Mortalität; Anm.) analysiert und zwar nach Diagnosen und Bundesländern. In einem Jahr wie 2020 nehmen wir natürlich auch Bezug auf Covid-19“, sagte die Ökonomin im Gespräch mit der APA.

„Für Österreich konnte (im Unterschied zum Beispiel zu England und Wales; Anm.) kein signifikanter Zusammenhang der Lebenssituation der Menschen und dem Infektionsrisiko oder der Sterblichkeit auf Bezirksebene festgestellt werden“, heißt es in dem Bericht.

Das Covid-19-Gesundheitsrisiko dürfte jedoch mit der Arbeitslosigkeit auf Bezirksebene steigen. Man habe zwar durch eine nahezu vollständige Sperrpolitik das Land recht gut vor der Pandemie geschützt, doch es gibt Mankos: Laut den Experten zeigt die SARS-CoV-2-Pandemie in Österreich erst recht, dass das Gesundheitswesen - wie seit vielen Jahren gefordert - vor allem im niedergelassenen Bereich und auf lokaler Ebene massiv gefördert werden sollte. Hofmarcher: „Das heißt aber auch, dass die angestrebte Gesundheitsreform wichtiger denn je ist.“ Dazu zähle auch, dass Österreich beim Pflegepersonal im internationalen Vergleich stark aufholen müsse.

TT-ePaper gratis testen und eine von fünf Snow Cards Tirol gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt mitmachen
TT ePaper

Besonderer Augenmerk müsse in der Gesundheitspolitik auch der Kassenmedizin gewidmet werden: „Wird mehr den Wahlärzten überlassen, steigen die privaten Ausgaben. (...) Am niedrigsten ist der Anteil der privaten Ausgaben für ambulante Leisten in Oberösterreich (23 Prozent). Sehr hoch ist er in Vorarlberg (35 Prozent) und in Salzburg (30 Prozent). Alle drei Länder haben eine mittelmäßige Versorgung mit Kassen- bzw. §2-Ärzten pro 100.000 Einwohner.“ Maria Hofmarcher: „Der Umbau des Systems in Richtung regionaler Zusammenführung der Mittel für die ambulante Versorgung ist ein Muss und bedeutend wichtiger als der Umbau der Kassenlandschaft.“

Um Covid-19 und seine Folgen zu überwinden, sollte zusätzliches Geld für das Gesundheitswesen bereitgestellt werden. Die Gesundheitsökonomin: „Grob geschätzt könnte das ein ‚AT4Health‘-Fonds von etwa 4,2 Milliarden Euro sein. Wir rechnen mit rund 1,1 Mrd. Euro für Steuer- und Beitragsausfälle, etwa zwei Milliarden für die Bundesländer und 600 Millionen Euro für Investitionen in bessere Gesundheitsleistungen.“ Das wären rund 480 Euro pro Kopf der Bevölkerung, 16,7 Prozent der Mittel des Covid-19-Krisenbewältigungsfonds bzw. 1,1 Prozent der Wirtschaftsleistung). Hofmarcher: Damit könnte man das Gesundheitswesen aus der Krise ‚herausfinanzieren‘.“

Was noch hinzukommt: Dieses Geld würde auch der Beschäftigung in Österreich sehr zugutekommen. Gesundheits- und Sozialwesen haben sich nämlich beispielsweise auch schon nach der Finanzkrise ab 2008 als stabilisierender Faktor erwiesen. „Gesundheit der Bevölkerung ist die Basis für wirtschaftliches Handeln“, betonte die Expertin. Ohne Gesundheit funktioniert die Wirtschaft nämlich nicht - wie schon der im März dieses Jahrs erfolgte Lockdown zeigte.

Besonders wichtige Erkenntnisse, wie es die Expertin ausdrückte: „Im ambulanten Sektor ist auffällig, dass sich in Österreich die Kassenmedizin auf dem Rückzug befindet.“ Das erhöhe die privaten Kosten für die medizinische Versorgung für den Einzelnen und führe automatisch zum Größerwerden der Wahlarztmedizin. „Auffällig ist auch, dass in der Kassenmedizin - bei einem Anteil der Ärztinnen am Ärztestand insgesamt von rund 50 Prozent - nicht einmal 15 Prozent der Kassenärzte Frauen sind.“

In der Versorgungsqualität in Sachen Prävention, Diagnose und Therapie existieren in Österreich je nach Bundesland offenbar deutliche Unterschiede. Maria Hofmarcher: „Bei der vermeidbaren vorzeitigen Mortalität vor dem 75. Lebensjahr ist die Situation in Kärnten und im Burgenland zum Beispiel besorgniserregend. Vorarlberg schneidet bei seinen relativ hohen Aufwendungen ebenfalls schlecht ab. Niederösterreich und Oberösterreich sind am besten, Salzburg und die Steiermark im Mittelfeld. Wien schneidet auch recht gut ab.“

Die Daten mit Bezug auf das Jahr 2018, wie es im Report heißt: „Wir ermitteln für 2018, dass 10.069 oder zwölf Prozent aller Todesfälle (83.975) in Österreich nach OECD-Definition in die Kategorie der vermeidbaren vorzeitigen Todesfälle fielen.“ Das waren immerhin 114 Todesfälle von 100.000 (76 pro 100.000 davon verhinderbar durch Vorsorgemaßnahmen). Nimmt man die weiterhin häufigste Todesursache - die Herz-Kreislauf-Erkrankungen - so sieht die Situation so aus: In Österreich insgesamt könnten im Jahr 26 Todesfälle je 100.000 durch diese Erkrankungen vor dem 75. Lebensjahr verhindert werden.


Kommentieren


Schlagworte