Anna Netrebko in Salzburg: Tschaikowski aus vollen Röhren

Anna Netrebko und ihr Gatte Yusif Eyvazov sind am Dienstag in Salzburg im Großen Festspielhaus zu sehen.

Nur eine Karte sticht wirklich: Anna Netrebko und ihr Gatte Yusif Eyvazov am Dienstagabend bei den Salzburger Festspielen.
© SF/Maro Borrelli

Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg – Es war ein kurzer Abend: gut 80 Minuten, keine Zugaben. Und er geriet zwiespältig, mit einem einzigen Höhepunkt: Anna Netrebko. Nehmen wir die Briefszene Tatjanas aus „Eugen Onegin“. Hier schreibt eine junge, überaus verletzliche Frau singend ihrem Geliebten, Tschaikowski inszeniert ein intensives psychisches Kammerspiel mit großem Orchester, ein Voranschreiten von Glutkern zu Glutkern. Netrebko zeichnet das mit dunkel verschatteten vokalen Linien nach, zweimal gibt es kleinere technische Ungenauigkeiten, was durchaus der hohen emotionalen Temperatur geschuldet sein mag – unter den lyrischen Sehnsuchtsbögen brodelt eben ein Vulkan! Hier überzeugt auch das Mozarteumorchester unter Mikhail Tatarnikov am ehesten. Die Musikerinnen und Musiker haben auch einige (Tutti-)Soli zu absolvieren, etwa die berühmte Polonaise aus „Eugen Onegin“ klingt pompös, insgesamt etwas zu laut. Lautstärke scheint in der Tat das dramaturgische Hauptkonzept Tatarnikovs zu sein, schon das Vorspiel zu „Pique Dame“ gerät massiv übersteuert, das „Rosen-Adagio“ aus dem „Dornröschen“-Ballett hingegen wird zu polternder Kriegsmusik.

Im Salzburger „Pique Dame“-Auszug begegnen sich der spielsüchtige Hermann und die zerbrechlich liebende Lisa im Großen Festspielhaus. Netrebko trägt ein blaues Kleid mit etlichen unruhigen, haptischen Elementen. Netrebkos Gatte, der Tenor Yusif Eyvazov, verströmt kleidungstechnisch dunkle Eleganz. Vokal orientiert er sich am – konstant zu lauten – Orchester. Eyvazov singt technisch makellos, forciert auch kaum, dennoch gibt es ein großes, eigentlich ganz simples Problem: Für dieses Repertoire wirkt seine Stimme nicht sehr passend, schlicht zu unlyrisch. Es ist viel Schmelz und Kernigkeit vorhanden, aber der spezifische Klangduft Tschaikowskis, das oft so hinreißende Balancieren knapp über emotionalen, psychischen Abgründen, es fehlt fast völlig. Zuletzt überzeugte Yusif Eyvazov durchaus im italienischen Repertoire, auch und gerade an der Seite Anna Netrebkos, doch hier ist er eine Fehlbesetzung. Noch mehr in Lenskis Arie aus „Eugen Onegin“. Ein Todgeweihter blickt in unendlicher Trauer auf sein noch junges Leben zurück, das klingt in manchen Interpretationen sogar ein bisschen androgyn, jedenfalls muss oder müsste es vielfältig, differenziert verletzlich tönen. Eyvazov singt leider mit kratzbürstigem, monochromen Timbre, ohne einen Hauch von dazwischen.

Wenn man das Bild der drei Karten aus „Pique Dame“ aufnehmen möchte, so sticht in Salzburg leider nur eine. Oder eineinhalb, denn die sehr gute Mezzosopranistin Szilvia Vörös hat einen intensiven Kurzauftritt. Von ihr hätte man gern mehr gehört.

TT-ePaper gratis testen und eine von fünf Snow Cards Tirol gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt mitmachen
TT ePaper

Kommentieren


Schlagworte