Sondengänger in Tirol: Schatzsucher und Raubgräber

Ohne Hobby-Archäologen mit Metalldetektoren wären wichtige Funde in Tirol nie gemacht worden. Viele in der wachsenden Szene sind allerdings nur auf den schnellen Profit aus.

Ein vom Oberländer Franz Neururer im Jahr 2001 am Piller Sattel entdecktes Depot mit über 350 Stücken aus der Mittelbronzezeit gehört zu den spektakulärsten Funden durch Sondengeher in Tirol.
© S. Nicolussi Castellan

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Fluch und Segen zugleich sind so genannte Sondengänger für die Archäologie in Tirol. Ohne sie, die mit ihren Metalldetektoren über Felder und durch Wälder streifen, wären viele spektakuläre und für das Verständnis der Geschichte des Landes wichtige Entdeckungen nie gemacht worden. Zugleich gibt es in der wachsenden Szene aber auch schwarze Schafe, die ihr­e Funde nicht den Behörden oder Wissenschaftern melden, sondern sie in Vitrinen und Kellern horten oder für viel Geld verkaufen.

Wer wann und wo mit Metallsuchgeräten unterwegs sein darf, ist in Österreich klar definiert. „Die Verwendung in denkmalgeschützten Bereichen, bei archäologisch interessanten Böden ist streng verboten“, sagt Johannes Pöll, Archäologe bei der Tiroler Außenstelle des Bundesdenkmalamtes. „Wenn jemand abseits davon das Ziel hat, nach historischen Artefakten zu suchen, dann muss er beim Bundesdenkmalamt um eine Genehmigung ansuchen.“ Diese könne allerdings nur an Menschen mit einer einschlägigen archäologischen Ausbildung ausgegeben werden. „Das haben allerdings die wenigsten Sondengänger.“

„Viele Sondengänger sind gierige Menschen, die etwas finden, es besitzen und zu Geld machen wollen.“ – Johannes Pöll
 (Bundesdenkmalamt)
© Dähling

Einer davon ist Christoph Hussl aus Igls. Der 43-Jährige hat einen Master in Archäologie und in seiner Abschlussarbeit „mithilfe des Metalldetektors die Trasse der Römerstraße über den Brenner neu definiert. Freilich mit Genehmigung“, wie er selbst sagt. Auch abseits seines Studiums ist Hussl als Sondengeher aktiv. „Seit 20 Jahren mache ich das. Und in letzter Zeit boomt dieses Hobby sehr. Die Sonden werden billiger und besser. Mit den vielen Internetforen, die sich mit dem Thema beschäftigen, wächst logisch auch die Neugierde, der Zugang wird erleichtert.“ Dass die Suche nach alten Gegenständen so viele Menschen fasziniert, liegt „zum einen an der Grundmotivation etwas über die Geschichte der Heimat zu erfahren, ein neues Puzzleteil zu finden. Und auch am Kick, der Erste zu sein, der etwas nach Jahrtausenden wieder in Händen hält.“

Johannes Pöll vom Bundesdenkmalamt hat anderes erlebt. „Die meisten dieser Herren – ich zumindest kenne in Tirol keine Frau, die mit der Sonde geht – haben kein Interesse an der Archäologie“, sagt Pöll. Freilich gebe es auch Sondengänger wie Christoph Hussl, die mit den Behörden zusammenarbeiten würden, alle ihre Funde melden und damit eine wissenschaftliche Aufarbeitung möglich machen. Das Gros jedoch seien „gierige Menschen, die etwas finden, es besitzen und nicht selten auch zu Geld machen wollen. Die verkaufen das Zeug auf eBay oder anderen Internet-Marktplätzen. Oft tauchen Dinge, bei denen ganz klar ersichtlich ist, dass sie aus Tirol sind, auch in anderen Ländern auf.“ Erst vor Kurzem sei beispielsweise ein eisenzeitlicher Helm, der, wie sich später herausstellte, in Vils im Außerfern ausgegraben wurde, in der Steiermark aufgetaucht. „So etwas ist nur die Spitze des Eisbergs, es ist ein ganz massives Phänomen“, glaubt der Archäologe.

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Dass in der Szene manches falsch läuft, weiß auch Christoph Hussl. „Da versuche ich zu vermitteln, den Kollegen zu erklären, dass sie, wenn sie etwas finden, es den richtigen Behörden zuführen.“ Passiere das, seien Sondengänger für die Forschung ein Gewinn, glaubt er. „Fast alle archäologischen Funde der letzten Jahre gehen auf sie zurück. Das sind gewaltige historische Belege für das Land Tirol.“ Gäbe es nicht bestimmte Menschen, die den Boden mit ihren Metalldetektoren absuchen würden, „liegt das Zeug noch 10.000 weitere Jahre da drin“.

In manchen Situationen stimme das, gibt Johannes Pöll zu. „Beim Depotfund vom Piller Sattel etwa“, sagt er. Im Jahr 2001 hat der Oberländer Franz Neururer einen Schatz mit über 350 Objekten – Schmuck, Waffen und ein Helm – aus der Mittelbronzezeit (1550 bis 1300 v. Chr.) entdeckt. „In Oberhofen haben Sondengänger im Jahr 2011 ein Heiligtum aufgespürt, dort römische und eisenzeitliche Waffen und zwei wunderschöne Kriegerfigürchen aus der Latènzeit gefunden. Sie alle haben das aber gleich gemeldet, Forscher gruben aus und sicherten Informationen.“

In solchen Situationen gehe die Bundesdenkmalbehörde oft mit Augenmaß vor, strafe nicht, weil der „Meldezweck vor der Illegalität steht“, sagt Pöll. Im Regelfall werden die Sondengänger aber angezeigt und müssen mit hohen Verwaltungsstrafen rechnen.


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