Innsbrucker Festwochen der Alten Musik: Im Schmerz verschmelzen

Pergolesis „Stabat Mater“ beispielhaft aufgeführt – und dementsprechend gefeiert – bei den Innsbrucker Festwochen.

Marianne Beate Kielland, Christophe Dumaux und das Freiburger BarockConsort am Donnerstagabend im Innsbrucker Haus der Musik.
© Venier

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Manche Sicherheitsvorkehrungen hört man: Im Großen Saal des Innsbrucker Hauses der Musik etwa summt die Frischluftzufuhr. Nicht enervierend genug, um wirklich zu stören. Aber man hört sie. Jedenfalls bis sie von jenen Werken der neapolitanischen Komponisten-Schule übertönt wird, die dort am Donnerstagabend meisterhaft zur Aufführung kamen.

Schon im Neapel um 1700 wusste man um den Umstand, dass das Hören ein selektiver Prozess ist, der geübt und auf die Probe gestellt werden will. Im Zentrum des Abends standen denn auch Werke, in denen im einmal etablierten Rahmen Neues anklingt. Allem voran das „Stabat Mater“ des frühverglühten Genies Giovanni Battista Pergolesi natürlich, das dem Konzert, bei dem auch Seelenmusik von Fiorenza, Porpora und Durante zu hören war, seinen fraglos zugkräftigen Namen gab.

Pergolesi war 26, als er es im Auftrag adeliger Geistesbrüder 1736 zu Papier brachte. Wenige Wochen später war er tot. Man mag aus den gottesmütterlichen Kreuzwegklagen auch die Leiden des tuberkulösen Tonsetzers heraushören. Doch dass diese Deutung zu kurz greift, stellen das bestens disponierte Freiburger BarockConsort und die Solisten Marianne Beate Kielland (Sopran) und Christophe Dumaux (Alt) außer Zweifel: Das „Stabat Mater“ ist die Summe des ganzen Pergolesis, ein Schlüsselwerk am Weg in neue Zeiten: Die sakrale Kontrapunkt-Strenge öffnet sich, es gibt melodisches Schwelgen, Buffo-Anklänge, hochdramatische Brüche. Der erdenschwere Schicksalsschmerz wird leicht. Wenn die Stimmen von Kiellands und Dumaux verschmelzen, glaubt man mit den Stimmen abzuheben.

Jean Jacques Rousseau, wahrlich kein Freund überzuckerter Superlative, nannte den ersten Satz des „Stabat Mater“ einst „das perfekteste und berührendste Duett aus der Feder irgendeines Komponisten“. Dem mag man nach diesem Festwochenkonzert nicht widersprechen, sondern will das Zitat dehnen und über alle zwölf Sätze ziehen. Und – wie am Donnerstag geschehen – auch das Lüftungssummen mit minutenlangem Applaus übertönen.

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