Der Schiefe Turm im Sumpf: Ilija Trojanow im TT-Interview

Ilija Trojanow präsentiert seinen Roman „Doppelte Spur“ am Dienstag in Innsbruck. Die TT hat mit dem Autor über politische Literatur, Verschwörungstheorien und die Herrschaft der besonders Schlechten gesprochen.

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Ilija Trojanows neuer Roman „Doppelte Spur“ handelt von den Verstrickungen von organisiertem Verbrechen und der Weltpolitik.
© Julia Hammerle

2013 wurde Ihnen vermutlich wegen Ihrer Kritik an der NSA-Überwachung die Einreise in die USA verweigert. „Doppelte Spur“ dürfte die Sache künftig nicht einfacher machen.

Ilija Trojanow: Da bin ich mir nicht sicher, die Wege der Sicherheitsdienste sind unergründlich.

In „Doppelte Spur“ geht es um die Verstrickungen von Geheimdiensten, organisiertem Verbrechen und Weltpolitik. Alles in diesem Roman sei wahr oder wahrscheinlich, schicken Sie voraus. Ist Roman in diesem Fall ein Schutzmantel, um gefahrlos die Wahrheit zu sagen?

Trojanow: Diese Frage geht von einer sehr schematischen Auffassung von Fakt und Fiktion aus. Die Interaktion von Sein und Schein ist unheimlich komplex und dynamisch. Klare Trennlinien lassen sich nicht mehr ziehen. Außerdem ist es ja nicht die Quantität an Fakten, die Roman und Sachbuch unterscheiden, sondern die Sprache. Ich glaube nicht, dass man behaupten könnte, die Sprache in „Doppelte Spur“ sei sachbuchgemäß.

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Im Buch geht es auch um die Suche nach einer Form, in der sich Fakten präsentieren lassen. Ihre Protagonisten – zwei Journalisten – versuchen zahllose Informationen zu einer plausiblen Erzählung zu ordnen.

Trojanow: Es ist wie das Kuratieren einer Ausstellung: Es gibt eine unüberschaubare Anzahl an Bildern und es geht auch darum, in welcher Reihenfolge sie gehängt werden. Das ist ein genuin literarisches Verfahren: Das Narrativ einer unüberschaubaren Realität kann eigentlich nur in einem Roman nachvollzogen werden. Roman ist also kein Mäntelchen, sondern das genaue Gegenteil: „Doppelte Spur“ ist der Versuch, einen politischen Roman für die jetzige Zeit zu schreiben. Das spiegelt sich auch in der Handlung wider, in der Art und Weise etwa, wie sich die investigativen Journalisten im Roman in den Katakomben scheinbar zuverlässigen Materials verlaufen. Wie sie die Zuverlässigkeit der Informationen in Frage stellen – und befürchten, zum Instrument anderer Interessen zu werden. Der traditionelle politische Roman wird den neuen Realitäten nicht mehr gerecht: Wir stehen derzeit wie gelähmt zwischen gegensätzlichen und doch gleichermaßen starken Realitäten. Es gibt zu viel Information, das Unüberschaubare des Internets, das einem Einsicht in fast alles verspricht, aber keine Übersicht. Andererseits fehlt Information. Wir wissen nichts über die Geldströme und wenig über das Handeln von Regierungen und Großkonzernen. Es gibt nur diese Melange von zu viel und gar keiner Information.

Vieles, das in „Doppelte Spur“ steht, lässt sich nachgoogeln, etwa die dubios bis gemeingefährlichen Figuren, die sich im New Yorker Trump-Tower eingemietet haben. Deren Namen nennen Sie. Für Trump haben Sie, genauso wie für Wladimir Putin, einen Decknamen gewählt.

Trojanow: Decknamen wären es, wenn man sie dahinter nicht erkennen soll. Es ist klar, Trump ist der Schiefe Turm und Putin Mikhail Iwanowitsch.

Einigen wir uns auf Entdecknamen.

Trojanow: Genau – und das hat persönliche Motive: Ich kann nichts schreiben, wo ständig Trump und Putin vorkommen. Das hätte mich zurückgezogen in den Sumpf der Tagespolitik. Außerdem, da bin ich vielleicht ein bisschen selbstverliebt, ich fand Schiefer Turm für Trump einfach extrem passend.

Sie beschreiben Welt im Buch als „Kakokratie“, als Herrschaft des Schlechtesten.

Trojanow: Es zählt zu den Gründungsmythen der parlamentarischen Demokratie und des Kapitalismus, dass es eine Art Meritokratie gibt, dass also die Guten, Vernünftigen und Anständigen zu Wohlstand und Einfluss gelangen. Putin und Trump sind gute Beispiele dafür, dass das Gegenteil der Fall ist. Es sind die erbärmlichsten menschlichen Eigenschaften, die ihren Erfolg befördern. Bei Putin diese funktionale Kälte eines lebenslangen Geheimdienstlers und die Abwesenheit von Idealen außer des Anspruchs auf Machterhalt. Und bei Trump das Fehlen irgendeiner Ethik und eine Egomanie geradezu shakespeare’schen Ausmaßes. Im Vergleich dazu wirkt Richard III. wie ein Waisenknabe. Sehr viel schlechtere Menschen kann ich mir kaum vorstellen. Nun sind sie aber zwei der einflussreichsten Menschen auf Erden. Dafür habe ich einen Begriff gesucht – und wurde bei den Alten Griechen fündig, die eine Herrschaft der Schlechtesten entweder erlebt oder befürchtet haben.

Ist es dann die Aufgabe von Literatur, solchen Kakokraten und ihren Botschaften etwas entgegenzusetzen?

Trojanow: Ich kann nur sagen, was ich mir mit meiner Literatur zur Aufgabe gemacht habe: Ich will den herrschenden Narrativen etwas entgegensetzen. In der Hoffnung, dass die, die meine Bücher lesen, angeregt sind, selbst zu denken und skeptisch zu bleiben. Sie haben davor gesagt, Sie hätten den Text nachgegoogelt. Das ist doch ein interessantes Phänomen, wenn ein Roman Leser dazu bringt, sich selbst mit einer Materie kritischer zu beschäftigen.

Bei mir hatte die Lektüre den Effekt, dass sich Ahnungen, die ich schon davor hatte, plötzlich an Beispielen konkretisieren lassen.

Trojanow: Die Frage ist, worauf spießen sich diese Ahnungen und wie gehen wir damit um. Auch davon wollte ich erzählen. Es gibt ein Missbehagen an den aktuellen Entwicklungen. Wie gehen wir damit um? Ist das Missbehagen Ausdruck dessen, dass wir nur die Hälfte von dem durchschauen, was abgeht. Oder ist es Ausdruck von Ohnmacht, Zorn und Verzweiflung, weil man zu durchschauen glaubt, was abgeht?

Der Weg von diesen Fragen zu gerade derzeit populären Verschwörungserzählungen ist kurz.

Trojanow: Die Genesis der derzeit viel debattierten Verschwörungstheorie QAnon wird im Roman ja literarisch beschrieben. Vom allerersten Auftauchen eines anonymen FBI-Agenten im Darknet bis zur großen Verbreitung. Wem nützt die Erzählung, wer hat sie wann an die Öffentlichkeit getragen und verstärkt. Es wird schnell klar, dass solche Dinge nicht zufällig entstehen. Ganz allgemein gibt es einen deutlichen Zusammenhang von so genannten Verschwörungstheorien und fehlender Transparenz. Wenn die Machenschaften der so genannten Eliten nicht transparent gemacht werden, entstehen solche Erzählungen ganz automatisch. Wie soll man sich eine Welt erklären, an der man Unbehagen empfindet, wenn man entscheidende Fakten, etwa wie viel Geld weltweit jährlich in Steueroasen verschwindet, nur spekulieren kann. Während es im Kleinen, bei jedem Einzelnen, die Pflicht zur peniblen Genauigkeit gibt, geht es im Großen um Trillionen, die irgendwo wabern und verschoben werden. In einer solchen Situation ist es doch ganz klar, dass die Erklärungsversuche, die ja immer Erzählungen sind, sich ins Übertriebene, Mystische, ins immer Extreme bewegen: Wo handfeste Beweise fehlen, gibt es nur Vermutungen, und wo die Vermutungen blühen, keimen Verschwörungsgeschichten.

Das Gespräch führte Joachim Leitner

Lesung.

Die Präsentation von „Doppelte Spur“ am Dienstag, 1. September, in der Innsbrucker Wagner’schen ist ausverkauft – sie wird ab 19.30 Uhr auf www.facebook.com/wagnersche übertragen.


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