Gregory Porter: Jazzclub-Muff auf der Orchesterbühne

Nicht ganz schmalzfrei: Gregory Porters neues Album ist größer, aufwändiger, poppiger. Der Charakter und die Stimme sind geblieben.

In kleinen Clubs hat der Überflieger Gregory Porter seine Karriere gestartet. Mit „All Rise“ veröffentlicht er sein neues, sechstes Album.
© Universal

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck –Montreux nannte ihn die „Gallionsfigur des aktuellen Jazz“. 2018 war Gregory Porter beim legendären Festival aufgetreten; nicht zum ersten Mal. Seit 2013 tourt der US-amerikanische Sänger durch die Welt. Der Überflieger war 2015 auch der Stargast des hiesigen Tschirg­Art-Festivals. Erst 2014, nach bereits zwei Grammy-Nominierungen, war Porter zum Major-Label Universal gewechselt. Dort erschien am Wochenende auch sein neues Werk „All Rise“.

Mit dem Hitalbum „Liquid Spirit“, mit dem Porter sich schlussendlich auch den Grammy abgeholt hat, schlug der Komponist einen Weg ein, den er auf seiner neuen, sechsten Platte geradlinig weiterverfolgt. Sprich: „All Rise“ fügt Porters Oeuvre einige neue Facetten hinzu, neu entdecken kann man den Jazzer in seiner aktuellen Musik aber nicht.

📽️ Video | Gregory Porter: "All Rise"

Altbewährter "Clubmuff" erobert die Orchesterbühne

Porter bleibt Porter. Das ist so sicher wie die Ballonmütze auf dem Kopf des Sängers. Stilistisch heißt das: Jazz mischt sich mit Soul, Gospel, R’n’B und Blues. Da werden Erinnerungen an Nat King Cole, Nina Simone und Stevie Wonder wach. Altbewährter Clubmuff erobert die Orchesterbühne. Denn bei „All Rise“ wird groß gedacht: Es gab Aufnahmen in Los Angeles, Paris und London; Chor, Bläser und das London Symphony Orchestra inklusive.

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Und das hört man: Das bereits vorab ausgekoppelte „Revival Song“ baut ähnlich wie „Liquid Spirit“ auf einem mitreißenden Klatsch-Rhythmus auf. Zur Basslinie fahren aber bald Klavier, Bläsersätze und schlussendlich schmissige Gospelchöre hoch. Und damit auch das Tempo. Nach diesem System sind gleich mehrere Nummern geschrieben: Auch „Dad Gone Thing“ und das bluesige „Long List of Troubles“ geben Gas.

Schon der Opener „Concorde“ entblößt eine neue Facette: Es wird aufwändiger, aber auch poppiger. Porter folgt öfter dem klassischen Liedaufbau, Melodie und Rhythmus sind klar, eingängig. Porters Stimme passt eh in jedes Schema. Die kleinen, guten Balladen (à la „Hey Laura“ von 2014) lassen sich schmerzlich vermissen.

Atmosphärischer, ja, ein bisschen mehr nach Disney-Filmmusik riecht es bei „If Love is Overrated“, „Merry Go Round“ oder „Modern Day Apprentice“, das mit ordentlich Schmalz für eine bedingungslose Liebe einsteht. Da muss man knapp drei Minuten einfach durchtauchen.

Jazz/Blues

Gregory Porter: All Rise.

Universal Music.

Unverwechselbarer Bariton

Die wirklich starken Nummern stechen aus zahlreichen belangloseren Stücken („You Can Join My Band“ oder „Real Truth“) hervor: Es sind Mid-Tempo-Tracks mit wiederkehrenden Melodiethemen, etwa „Hello Mister Hollywood“ oder „Merchants Of Paradise“, die ohne allzu viel Getöne grooven. Selbst die Streichersätze und Saxophonsoli sind hier fast schmalzfrei. Nicht so die Texte: Im Zentrum steht die Liebe, zu Partner, Familie und Freunden. Und wie einst bei „1960 What?“ (2010) ist auch die Gesellschaft Thema, auf „All Rise“ etwa im musikalischen Befreiungsschlag „Long List of Troubles“.

In der allgemeinen Wahrnehmung, abseits von Insider-Zirkeln, kommen Jazz-Künstler vergleichsweise selten zu wirklicher Bekanntheit. Nicht so Gregory Porter. Sein unverwechselbarer Bariton ist einer breiten Hörerschaft bekannt. Anleihen nimmt er bei den ganz Großen, deren Charakter bei ihm aber nicht verwässert wird, also bleibt auch das klassische Jazz-Klientel bei der Stange. Und etliche Jazz-Ferne kommen dazu. Mit dieser neuen Platte wohl noch etliche mehr.


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