Festival "Heart of Noise" in Innsbruck: Ein Ereignisraum denkt um

Seit 10 Jahren sucht Heart of Noise Auswege aus klanglichem Kastendenken. Heuer sind die Bedingungen anders. Treu bleiben will sich das Festival trotzdem.

Dance made in Britain: Loraine James tritt am Freitag, 2. Oktober, beim Heart-of-Noise-Festival im Innsbrucker Haus der Musik auf.
© Jase Coop

Innsbruck – Seit zehn Jahren versteht sich das Heart of Nois­e (HoN) als Ereignisraum, in dem das Kastendenken der Kunstproduktion aufgeweicht wird: Clubkultur trifft sich mit den Posen des Pop und Krawall mit Klangverdichtung. Es wird Heroen von einst gehuldigt und den tönenden Vorboten des Künftigen gelauscht. Der Ereignisraum selbst war seit 2011 notgedrungen mobil: Von den abrissfertigen Stadtsälen übersiedelte das Festival ins Treibhaus, vom Treibhaus im Vorjahr ins Haus der Musik. Das wird auch heue­r vom 1. bis 4. Oktober zur zentralen Spielstätte. Umdisponieren mussten die HoN-­Macher Stefan Meister und Chris Koubek in den vergangenen Monaten trotzdem.

„Aus den bekannten Gründen“, sagt der fürs Programm verantwortliche Stefan Meister mit Blick auf die Corona-Pandemie. Gleich mehrfach hab­e er das heurige Festival neu denken müssen. Ende Februar sagten erste Künstler für das zunächst im Juni geplante Festival ab. Dem ersten Umprogrammieren folgten der Shutdown und letztlich die Verschiebung auf Herbst. „Lange war unklar, wer kommen will und wer kommen kann. Jetzt steht ein Programm, das mich auch mit den neuen Rahmenbedingungen versöhnt“, sagt Meister. Wie zuletzt bei den Festwochen der Alten Musik greift auch beim Heart of Nois­e ein verschärftes Sicherheitskonzept. Konzerte sind nur bestuhlt möglich, Karten müssen vorbestellt werden und sind personalisiert, die Wege ins und aus dem Haus der Musik sind streng geregelt – mehr als 250 Besucher pro Veranstaltung sind nicht möglich. „Das verändert natürlich die Energie. Aber vielleicht macht es auch Neues möglich: Tanzeinlagen auf dem Stuhl und mit Sicherheitsabstand sind ja erlaubt“, sagt Chris Koubek.

Elisabeth Schimana
© Schimana

Programmatisch will sich das zehnte Heart of Nois­e treu bleiben – auch wenn das noch in pandemiefreier Zeit gewählte Motto „Again Every­thing“ ironischer klingt, als es wohl intendiert war. Ein Schwerpunkt liegt nun auf Künstlerinnen und Künstlern, deren Werke auch im Sitzen Wirkkraft entfalten: etwa die audiovisuell orientierte Arbeiten des Komponisten Peter Rehberg und der Videokünstlerin Tina Frank. Im Falle von BJ Nilsen, der das Festival am 1. Oktober eröffnen wird, machen die Seuchenschutzvorgaben sogar eine Uraufführung möglich: Dessen „The Accursed Mountain“ wurde noch nie aufgeführt.

Neben dem Haus der Musik wird heuer auch der Musikpavillon im Hofgarten bespielt. Winfried Ritschs „ensembl­e mécanique“ – eine raumgreifende Musikmaschine mit fünf Klavieren, mehreren Xylophonen, verschiedenen Trommeln, Propellern, Glocken und Sirenen – spielt sich dort gleich mehrfach durch Partituren, die menschliche Fingerfertigkeit weit übersteigen.

Die diesjährige HoG-Vinyl-Edition wird am Freitag, 2. Oktober, präsentiert: „haus der regierung“ ist eine des Medienkünstlers Herwig Weiser, der Musiker Nik Hummer und Philipp Quehenberger und der Schauspielerin Birgit Minichmayr. (jole)

Heart of Noise 2020

Beats und Buch: Die in Innsbruck geborene Komponistin Elisabeth Schimana entführt beim Heart of Noise als Performerin nicht nur „In die Sonne“ (Sa., 3.10.), sondern präsentiert auch ihr Buch „Hidden Alliances“ über prägende Musikerinnen in der Elektro-Szene (Fr., 2.10., im Reich für die Insel Kubus).

Prolog für Premierentage: Die Klangperfomance „Unsichtbare Städte Innsbruck“ von Nicola di Croce und Peter Lorenz ist beim HoN zu erleben und wird bei den Innsbrucker Premierentagen (5.–7.11.) weitergedacht.

Infos: www.heartofnoise.at


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