Nawalny mit Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet

Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny ist nach Untersuchungen eines Speziallabors der deutschen Bundeswehr mit dem chemischen Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet worden. Die Labortests hätten den „zweifelsfreien Nachweis“ darüber erbracht, teilte die deutsche Regierung am Mittwoch mit. Regierungssprecher Steffen Seibert sprach von einem „bestürzenden Vorgang“.

Das Untersuchungsergebnis könnte die ohnehin schon schwer angeschlagenen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sowie anderen westlichen Staaten noch einmal massiv erschüttern. Ein Nervengift der Nowitschok-Gruppe wurde auch bei der Vergiftung des ehemaligen russischen Doppelspions Sergej Skripal und seiner Tochter Julia im britischen Salisbury 2018 verwendet. Die beiden überlebten nur knapp.

Als Reaktion hatten zahlreiche westliche Staaten russische Diplomaten ausgewiesen. Auch diesmal strebt die deutsche Regierung ein abgestimmtes Vorgehen der westlichen Verbündeten an. Das machten der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, und Verteidigungs- Staatssekretär Gerd Hoofe in einer gemeinsamen Unterrichtung von Bundestagsabgeordneten nach Teilnehmerangaben deutlich.

Das deutsche Auswärtige Amt will den Botschafter Russlands über die Untersuchungsergebnisse unterrichten. „Ferner wird die Bundesregierung mit der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) Kontakt aufnehmen“, erklärte Seibert. „Die Bundesregierung verurteilt diesen Angriff auf das Schärfste. Die russische Regierung ist dringlich aufgefordert, sich zu dem Vorgang zu erklären“, sagte er.

TT-ePaper gratis testen und eine von fünf Snow Cards Tirol gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt mitmachen
TT ePaper

In einer ersten Reaktion sagte ein Sprecher des russischen Präsidialamtes, die Regierung in Moskau sei über die Erkenntnisse in Deutschland nicht informiert worden. Nawalny wird seit dem 22. August in der Berliner Charite behandelt. Der Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin war am 20. August auf einem Inlandsflug in zusammengebrochen. Zunächst wurde er im sibirischen Omsk behandelt, bevor er nach Deutschland geflogen wurde. Russische Ärzte hatten erklärt, dass sie keine Hinweise auf eine Vergiftung gefunden hätten. Die Charite teilte wenige Tage nach Nawalnys Eintreffen dagegen mit, dass sie Spuren von Gift in dessen Körper festgestellt habe.

Am vergangenen Freitag erklärte die Charite, dass sich die Vergiftungssymptome bei Nawalny zurückbildeten. Sein Zustand sei stabil, er befinde sich weiter auf einer Intensivstation im künstlichen Koma und werde maschinell beatmet. Akute Lebensgefahr bestehe nicht, Langzeitfolgen der „schweren Vergiftung des Patienten“ seien aber nicht absehbar.

Russische Sicherheitsbehörden haben dennoch bisher erklärt, sie sähen keinen Anlass für Ermittlungen. Anzeichen für eine Straftat gebe es nicht. Allerdings kontaktierte der Moskauer Generalstaatsanwalt am 27. August das Bundesamt für Justiz, um Informationen in dem Fall einzuholen, wie ein Sprecher des deutschen Justizministeriums in Berlin am Mittwoch bestätigte. Weitere Angaben wollte der Sprecher nicht machen. Einem Bericht der russischen Zeitung „RBC“ zufolge wollten die russischen Behörden Auskunft über die Behandlung Nawalnys, Ergebnisse von Blut- und Urintests sowie Erkenntnisse über Stoffe, die dabei gefunden worden seien.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel habe sich mit Finanzminister Olaf Scholz, Außenminister Heiko Maas, Innenminister Horst Seehofer, Justizministerin Christine Lambrecht, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sowie dem Chef des Bundeskanzleramts, Helge Braun, zu Mittag beraten und weitere Schritte abgestimmt, erklärte Seibert weiter. Auch die Fraktionen des Bundestages würden nun unterrichtet. Merkel wollte sich am späteren Nachmittag (17.30 Uhr) in Berlin in einer Pressekonferenz äußern. „Wir hoffen auf eine vollständige Genesung von Alexej Nawalny“, erklärte Seibert.


Kommentieren


Schlagworte