„Gedenktafeln und jährlicher Kranzabwurf sind zu wenig“

Sind Stolpersteine das richtige Symbol, um der NS-Gräuel zu gedenken? Wie sollen wir uns erinnern? Horst Schreiber hält nichts von einer Inflation von Steinverlegungen.

Befreiungsdenkmal: Auf Initiative der Franzosen errichtet, ist es jenen gewidmet, die für die Befreiung Österreichs starben. In Kreuzform sind am Gitter die Wappen von Österreichs Bundesländern abgebildet. Die Öffnung der Tore sollte alle Gruppen des Widerstandes umfassen. Als Kompromiss wurden sie immer wieder geschlossen. Das sorgte für hohe Kosten. Für Schreiber dennoch ein Beispiel, wie ein Platz mit NS-Bau (Landhaus) umgeprägt werden kann.
© Alexandra Plank

Von Alexandra Plank

Innsbruck – Zell am Ziller hat einen, Wattens neuerdings sechs, Innsbruck diskutiert intensiv darüber: Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Das Denkmal bei den Tirol Kliniken erinnert an die Euthanasie-Opfer, was vielen Vorbeigehenden nicht bewusst ist.

© Alexandra Plank

Der Tiroler Historiker Horst Schreiber beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Erinnerungskultur. Er befürwortet den ersten Stolperstein Tirols in Zell am Ziller. Von einer Inflation an Steinverlegungen hält er nichts. „Wozu eine 30 Jahre alte Ästhetik eines Künstlers ständig reproduzieren und auf immer dieselbe Weise erinnern?“, fragt er. 2020 brauche es andere Zugänge als 1990, verstörender und innovativer. Es sei besser, wenn die Menschen, die Gemeinden und die Politik Verantwortung übernehmen und selbst nachdenken, was eine zeitgemäße Antwort auf die Frage sei, wie erinnert werden soll. „Stolpersteine kann man kaufen. Ein neuer Weg ist, jährlich Diskussionen mit künstlerischen Projekten anzustoßen“, so der Historiker. Ein anderer, an dem Schreiber arbeitet, besteht darin, eine digitale Erinnerungslandschaft Tirols zu schaffen, um viele Menschen zu erreichen, vor allem junge. Laut Schreiber müssen neue Formen des Erinnerns angedacht werden, die als „Störfaktor“ im öffentlichen Raum wirken.

Die Erinnerungskultur in Tirol sei sehr einförmig, sie stütze sich großteils auf Denkmäler und Tafeln (siehe Infobox). Ein Problem des Erinnerns in Tirol sei auch, dass bestimmte Opfergruppen ausgeschlossen werden: Jenische, Roma, Sinti, Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden, so genannte Asoziale und Zwangsarbeiter. Hinsichtlich Letzterer warte er immer noch auf die Umsetzung der von der Tiwag versprochenen Erinnerung an die Überreste des Zwangsarbeiterlagers in Kirchbichl, so Schreiber.

Stolpersteine: Kürzlich sind in Wattens sechs Stolpersteine verlegt worden. Sie sollen an das Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus in der Gemeinde erinnern. Der deutsche Künstler Gunter Demnig startete das Projekt 1992. Seither wurden in Europa 77.000 Steine verlegt. In Tirol beteiligte sich noch Zell an der Aktion. Ein Personenkomitee tritt nun für die Verlegung in Innsbruck ein. Laut Schreiber sind sie kein „Störfaktor“.
© JFsPic

„Zentral wird künftig auch sein, dass bei der Erinnerung auch die Täterschaft thematisiert wird, um auch dem Grundsatz ,Nie wieder‘ gerecht werden zu können.“ Als Vorzeigeprojekt nennt Schreiber die Neugestaltung des Landhausplatzes in Innsbruck. „Das waren Interventionen, die international beachtet wurden, leider drehen sich die Diskussionen um den rostigen Betonplatz und die fehlenden Bäume.“

TT-ePaper gratis testen und eine von fünf Snow Cards Tirol gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt mitmachen
TT ePaper
Marionettenjustiz: 2015 gab es einen Schülerwettbewerb zur Errichtung einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Justiz in Tirol und Vorarlberg im Landesgericht Innsbruck. Zu Siegerinnen wurden Anna-Maria Brauns­torfer, Sarah Eberharter und Amalia Kiechler gekürt. Ihre Installation trägt den Titel „Marionettenjustiz“. Die Schülerinnen der HTL Trenkwalderstraße thematisieren Mechanismen autoritärer Systeme, führt Schreiber anerkennend aus
© iStock

Positiv sieht der Historiker auch die Arbeit von Schülern der HTL Trenkwalderstraße für Bau und Design im Landesgericht und in der SP-Parteizentrale: „Die jungen Leute setzen sich bewusst mit der Täterseite auseinander.“ Auch was den 1. Weltkrieg betrifft, gebe es auf der Täterseite noch viel zu tun, hält Schreiber fest. Es gebe einige Straßenbezeichnungen in Innsbruck, die Menschen gewidmet seien, die Kriegstreiber waren. In Zirl habe man indes eine gute Lösung von Gefallenen- und Opfergedenken gefunden.

Andreas Baumgartner vom Mauthausen-Komitee Österreich erklärt, dass man konkret sagen müsse, welche Art des Gedenkens man wolle. „Natürlich sind Gedenktafeln mit einmal jährlichem Kranzabwurf zu wenig.“ Künstlerische Interventionen wären wichtig, diese würden sich aber selten von selbst erklären. „Ich finde die Stolpersteine gut, sie erzählen die Geschichte von Menschen, die ermordet wurden. Menschen, die einen Namen und Zukunftspläne hatten.“ Selbst Gedenkstätten wie Mauthausen könnten das nicht so plastisch machen. „Ein Gebäude erzählt keine Geschichte. Man könnte ohne Hintergrundwissen durch Mauthausen gehen und würde nicht wissen, was für ein Ort des Grauens das war.“

Ein großes Anliegen ist Baumgartner, dass Gefallenen der Kriege und den Opfern der Gewaltherrschaft nicht auf einer Tafel gedacht wird. „In jedem Kuhdorf gibt es ein Kriegerdenkmal. Oft hört man, den Ermordeten auch noch eines zu bauen, sei ein bisserl zu viel.“

Gedenken an die Euthanasie-Opfer Zirl: Für Schreiber ist die Gedenkstätte eine Ehrerbietung. Sie befindet sich gegenüber dem Kriegerdenkmal und spiegle das Motto „Gedenken der Opfer – nie vergessen die Täter“ wider. Das Werk von Günther Tschaufeser zeigt Koffer, die für die trügerische Hoffnung der Menschen auf Heimkehr stehen. Die fünf Zirler Opfer werden namentlich angeführt. Sie wurden in Hartheim vergast.
© Studien Verlag

Und noch einmal auf die Stolpersteine zurückkommend fügt Baumgartner an, dass viele nicht damit konfrontiert werden wollen, wie viele Menschen betroffen waren: „Die Maria-Theresien-Straße wäre voller Stolpersteine.“ Das Argument, dass die Opfer neuerlich mit Füßen getreten würden, ist für ihn nicht stichhaltig. „Würde man an jeder Hauswand eine Tafel anbringen, müsste man mit den Besitzern verhandeln, das wäre aussichtslos.“

Der Talmud hilft weiter: Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung.

Gedenktafel: Zum Politikum hat sich die Textierung der Tafel für Diana Budisavljevic am Geburtshaus (Obexerhaus) in der Maria-Theresien-Straße ausgewachsen. Sie hatte im 2. Weltkrieg im damaligen Unabhängigen Staat Kroatien mehr als 10.000 Kinder aus den Lagern des faschistischen Ustascha-Regimes gerettet. Diskutiert wird, ob die Formulierung „Kinder“ genügt. Laut Schreiber und Baumann waren die Opfer „serbische Kinder“. Die Diskussion sei wichtig.
© Plank

Zahlen und Fakten zum Gedenken

Buchtipp. Horst Schreiber: Gedächtnislandschaft Tirol, Zeichen der Erinnerung an Widerstand und Befreiung 1938–1945, Studienverlag 2019, 30 Euro. Infos auch unter www.erinnern.at

Anzahl. Der Band erfasst 201 Gedenkzeichen in 53 Tiroler Gemeinden. Am häufigsten wird des Widerstands Geistlicher (36 %) gedacht, insbesondere Otto Neururers, in zehn Gemeinden mit 31 Gedenkstätten, gefolgt von jüdischen Opfern und Euthanasie-Opfern (11 %). Vertreibung wird kaum thematisiert.

Frauen. Frauen allein sind in neun Gemeinden nur 16 Gedenkzeichen gewidmet, das sind acht Prozent. Hier dominieren die geistlichen Schwestern Edith Stein und Angela Autsch.

Formensprache. Fast 40 % aller Objekte sind Gedenktafeln, ein Viertel Benennungen von Straßen, Kapellen etc.


Kommentieren


Schlagworte