Ohne den Schutz der Käseglocke: Vater und Sohn Hirner im Gespräch

Bei Berg Bauer in Wörgl reift neben dem Käse auch der Nachwuchs heran. Gründer Martin Hirner sen. übergibt nach 26 Jahren an den Junior. Ein Gespräch über Käsetrends, kostspielige Fehler und Generationsfragen.

Generationswechsel bei Berg Bauer. 2021 legt Martin Hirner sen. (r.) das Käsegeschäft zur Gänze in die Hände seines ältesten Sohnes Martin Hirner jun. Seit 1. September ist er bereits alleiniger Geschäftsführer.
© Hrdina

Es sind turbulente Zeiten, in denen Sie die Betriebsübergabe vollziehen. Verschieben ist keine Option?

Hirner sen.: Das Datum steht seit acht Jahren fest, damals trat Martin jun. in den Betrieb ein. Es kann immer eine schwierige Zeit kommen. Wir hatten Einbußen in der Gastronomie, die kann man nicht mehr aufholen. Aber wir werden das Jahr trotzdem positiv abschließen.

Sie, Hr. Hirner jun, haben in Ihrer Berg Bauer Karriere in allen Abteilungen gearbeitet. Wo sehen Sie die größte Herausforderung?

Hirner jun.: Die größte Herausforderung wird sein, immer wieder neue Produkte auf den Markt zu bringen und sie zu vermarkten. Die Konkurrenz schläft nicht, die Regale sind voll. Jeden Monat gibt es neue Produkte – auch wenn sie nicht alle lang bleiben. Uns ging es so mit dem Sodala Spritzzz (Buttermilch mit Soda und Frucht – Anm. d. R.). Wir waren ein zu kleiner Fisch in der Vermarktung.

War das ein Versuch, an den Erfolg von Lattella anzuknüpfen? Hr. Hirner sen., Sie waren damals bei der Martkeinführung durch Inntal Milch als Verkaufsleiter dabei.

Hirner sen.: Erfunden hat es aber Hermann Horngacher. Wobei es ein ähnliches Getränk schon in der Schweiz gab. Wir haben es nach Tirol geholt und verfeinert, es mit exotischen Früchten versetzt. Maracuja kannte damals überhaupt niemand. Spannende Zeit ...

Würde das heute wieder so funktionieren?

Hirner sen.: Heute würden dir die großen Handelsketten nicht mehr so viel Zeit dafür geben. Wenn das nach drei Monaten nicht läuft, bist du weg vom Fenster. Da brauchst du Millionen für Werbung. So viel Geld hat ein kleiner Betrieb, wie damals die Inntal Milch, nicht.

Inwiefern kann man bei Käse innovativ sein?

Hirner jun.: Der Trend Ayurveda ist in der Gesellschaft da, das merken wir auch in den Hotels, den Küchen und bei Massagen. Mit einem Spezialisten haben wir einen Käse mit entsprechenden Gewürzen entwickelt. In der ayurvedischen Küche empfiehlt man ja, alle Geschmacksrichtungen in einem Gericht zu vereinen. Man isst nicht so viel, fühlt sich besser, und es ist gut für die Verdauung.

Hirner sen.: Der Käse wurde von 5000 Konsumenten zum Produkt des Jahres 2019 gewählt. Das hat uns die Tore nach Ungarn, Italien und in die Schweiz geöffnet.

Wie kann sich ein kleiner Berg Bauer am Markt gegen die Mächtigen behaupten?

Hirner jun.: Mit Qualität und Innovation. Wir sind klein und flexibel, können auf Kundenwünsche eingehen und ihre Ideen umsetzen. Der Rohstoff ist auch anders. Wir verwenden hautpsächlich Heumlich. Der Bauer bekommt bei uns auch mehr für die Milch. Dafür kostet der Käse eben mehr als ein Industrie-Gouda.

Hirner sen.: Wir arbeiten mit acht Käsereien im Alpenraum zusammen. Wir haben eigene Außendienstmitarbeiter. Der Kontakt in die Küchen ist wichtig, dort entstehen oft neue Ideen.

Regionalität ist ja seit der Krise noch mehr Thema geworden als vorher. Haben Sie das bei Berg Bauer gespürt?

Hirner jun.: Wir waren im Handel stark an der Theke. In der Krise haben die Leute aus Angst vor Ansteckungsgefahr lieber zu abgepackten Produkten gegriffen. Als dann die Gastro zurückfuhr, standen wir mit vollen Lagern da. Wir haben begonnen, Pakete an Private auszuliefern. Das wurde nur über Mundpropaganda meiner Schwester verbreitet, hat aber dermaßen eingeschlagen! Es wurden über 1300 Pakete ausgeliefert – bis nach Seefeld. Wir haben gemerkt: Der Wunsch nach regionalen Produkten ist stark vorhanden. Wir machen nun auch einen Online-Shop.

Technische Veränderungen sind typisch bei Generationenwechsel ...

Hirner jun.: Wir werden ein neues Betriebssystem einführen. Man muss auch technisch mit der Zeit gehen. Mein Vater hätte das sicher nicht gemacht.

Hirner sen.: Ich hätte es mir einfach nicht mehr angetan, nein. Ich werde mich aber nicht in seine Geschäfte einmischen. Es ist wichtig, dass man selber loslassen kann. Seine Erfahrungen muss er selber machen. Ich hatte auch meine Schnitzer. Die haben Geld gekostet, so etwas merkt man sich. Man kann einen neuen Chef nicht unter eine Käseglocke stellen.

Was sind die wichtigsten Dinge, die Sie von Ihrem Vater gelernt haben?

Hirner jun.: Sehr viel. Er ist ein richtiger Verkaufstyp. Er hat die Gabe, Menschen für sich einzunehmen, er hat den Schmäh. Ich bin ein anderer Mensch, ob ich es so umsetzen kann, weiß ich nicht. Ich werde sicher auf ihn zukommen, und ihn um Rat bitten.

Sie gehen ja auch als Obmann der Wirtschaftskammer Bezirksstelle Kufstein. Ganze vier Kandidaten rittern um die Nachfolge. Bei wem sehen Sie das größte Potential?

Hirner sen.: Ich kann mit allen leben. Wenn Funktionäre auch so leicht zu bekommen wären wie die Kandidaten für meine Nachfolge, wäre das schön.

Wie schaut’s bei Ihnen mit einer WK-Karriere aus?

Hirner jun.: Die Politik ist nicht meine Welt. Ich habe Hochachtung davor, was mein Vater an Energie und Zeit hineingesteckt hat.

Was würden Sie sich als Unternehmer vom nächsten Obmann wünschen?

Hirner jun.: Dass er nicht nur in der Öffentlichkeit steht, sondern es mit Leib und Seele macht und zur Verfügung steht, wenn man ihn braucht.

Was werden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?

Hirner sen.: Meine Frau sagt: Wenn ich die Stunden und Energie, die ich für die Kammer aufgebracht habe, in den Betrieb investiert hätte, wären wir jetzt doppelt so groß. Mein Nachfolger muss mir versprechen, nicht nur einen Neujahrsempfang auszurichten. Dass die Bezirksstelle so stark bleibt, kostet viel Zeit und Aufwand. Ich wünsche jedem alles Gute, der bereit ist, das auf sich zu nehmen. Es sind auch schon WK-Funktionäre pleitegegangen ...

Haben Sie schon Pläne für die Pension?

Hirner sen.: Mit Jänner übergebe ich den Betrieb voll. Danach will ich mit meiner Frau den Jakobsweg gehen – wenn Corona es zulässt. Ich habe eine ganze Schublade voller Ideen, ich müsste 105 Jahre alt werden. Ich hoffe, ich bleibe lange gesund.

Das Interview führte Jasmine Hrdina.


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