Komödien drehen ist kein Spaß: Zum Tod von Jiří Menzel

Sein erster Film gewann den Oscar, sein zweiter wurde verboten – und sein schlechtester brachte ihm wenigstens ein neues Auto. Zum Tod des Filmemachers Jiří Menzel.

Jirˇí Menzel war 2017 beim Innsbrucker Filmfestival zu Gast.
© Julia Hammerle

Prag, Innsbruck – Angesetzt waren zwanzig Minuten. „Weil ich dann alles zum zweiten Mal gesagt habe – und anfange, mir zu widersprechen“, wie Jiří Menzel vorausschickte. Gedauert hat das Interview trotzdem gut eineinhalb Stunden. Und alles gesagt war auch dann noch nicht über Kino (seine „Ehefrau“) und Theater (seine „Geliebte“), über Politik und Poesie – und darüber, dass es kein Spaß ist, Komödien zu drehen. Aber Menzel musste weiter. Es galt einen seiner Filme im Innsbrucker Leokino einzuführen – und sich den Fragen des Publikums zu stellen. „Durch die“, sagte er bereits im Gehen, „lerne ich immer wieder aufs Neue, was ich wirklich gedreht habe“.

Ende Mai 2017 war Jiří Menzel Ehrengast des 26. Internationalen Film Festivals Innsbruck. Fünf seiner Filme wurden gezeigt. Darunter, natürlich, sein Spielfilmdebüt, die Komödie „Scharf beobachtete Züge“, die dem damals Dreißigjährigen 1968 den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film einbrachte. Damals standen Menzel Hollywoods Studiotüren offen. Doch er stieß die Bosse selbstbewusst vor den Kopf – und blieb in der Tschechoslowakei, wo sich mit dem Prager Frühling Veränderungen ankündigten. In dieser Aufbruchsstimmung realisierte er die Satire „Lerchen am Faden“ (1969) über die Machtergreifung des kommunistischen Regimes von 1949. Doch die Panzer der Warschauer Paktstaaten stellten sich auch einem Oscarpreisträger in den Weg. Der Film verschwand im Giftschrank und kam erst in den Wendejahren in die Kinos. 1990 – mehr als zwanzig Jahre nach Abschluss der Produktion – gewann Menzel für „Lerchen am Fanden“ den Goldenen Bären der Berlinale.

Ab 1970 hatte Menzel de facto Berufsverbot. Er verdingte sich mit harmlosen Auftragsarbeiten fürs Fernsehen und trat gelegentlich als Schauspieler vor die Kamera. In Juraj Herz’ hinterhältiger Horror-Extravaganza „Der Autovampir“ (1983) zum Beispiel. Vor den Zensoren flüchtete er sich aber vornehmlich ins Theater, wo er bisweilen auch internationale Projekte realisieren konnte. In der Schweiz etwa entstand das Stück „Wir machen Spaß“ mit den Clowns Rolf Knie, Gaston Häni und Pipo Sosman. Mit Knie, Häni und Sosman drehte er danach auch die von Karl Spiehs’ Quatschfilm-Klitsche Lisa Film produzierte Posse „Der Schokoladenschnüffler“.Ein Film, der ihm zwar viel Kritikerhäme, aber wenigstens auch ein neues Auto einbrachte, wie sich Menzel 2017 im TT-Gespräch erinnerte.

1985 schließlich inszenierte er die melancholische Kinokomödie „Heimat, süße Heimat“, die Menzel eine weitere Nominierung für den Auslandsoscar einbrachte. Nach einer Vorlage von Václav Havel drehte er 1991 die „Prager Bettleroper“. 2006 brachte er – nach jahrzehntelanger Vorarbeit – „Ich habe den englischen König bedient“ in die Kinos – und wurde dafür bei der Berlinale mit dem Preis des Kritikerverbands Fipresci ausgezeichnet.

Seine letzte Filmrolle spielte Menzel 2017 an der Seite von Peter Simonischek in der österreichischen Koproduktion „Dolmetscher“. Am Samstag ist Jiří Menzel nach langer Krankheit in Prag gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. (jole)


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