Pack die Lupe aus: „Citizen Science" auch in Österreich gefragt

Forschungsprojekte, bei denen jeder mitmachen kann, finden großen Anklag. Ein Blog auf der „Österreich forscht“-Seite fördert den Austausch zwischen Forschern und Bürgern.

Bäume vermessen, die Biodiversität mit dem Alpenverein erfassen oder Tagfalter aufspüren: Citizen Scientists sind gefragt.
© Florian Lehner

Von Theresa Mair

Wien – Nach der Atomkata­strophe von Fukushima wusste niemand, ob die Menschen ihre Häuser und die Region verlassen sollten oder ob sie dortbleiben könnten. Offizielle Stellen gaben kaum Zahlen zur Strahlenbelastung heraus. Deshalb bauten die Menschen dann selbst einen Geigerzähler. Die Anleitung dafür und ihre Messungen stellten sie im Internet zur Verfügung.

„Die Leute haben das nachgebaut und Tausende Messungen ins Netz gestellt. Erstmals hatten sie eine Basis, um eine informierte Entscheidung treffen zu können. Im Nachhinein haben Experten die Zahlen überprüft und gesagt, dass das super passt. Inzwischen ist das eine riesige globale Datenbank“, erklärt Daniel Dörler anhand des beeindruckenden japanischen Projekts „Safecast“ (safecast.org), wie Citizen Science funktionieren kann. Daniel Dörler und Florian Heigl sind von der Universität für Bodenkultur in Wien angestellt, um das Netzwerk „Österreich forscht“ (­citizen-science.at) zu koordinieren. „Wir haben ein Netzwerk aus Institutionen aus ganz Österreich gegründet, die Citizen Science betreiben, vorantreiben und mit Bürgern zusammenarbeiten wollen. Es sind Unis, Behörden, Vereine und Ökobüros dabei“, so Dörler. Generell gelte, dass nur Projekte gelistet werden, die eine Beschreibung auf Deutsch haben, in Österreich durchführbar sind und die Qualitätskriterien erfüllen.

Da ist für jeden Geschmack etwas dabei, von den Natur- über Geistes- und Sozialwissenschaften bis zu Kunst- und Kulturwissenschaft. Und das kommt an. „Citizen Science ist kein Nischenphänomen mehr“, sagt Dörler. In Zahlen heißt dies, dass z. B. im Jahr 2017 mehr als 100.000 Menschen an den im Netzwerk gelisteten Projekten teilgenommen haben.

Die Aufgabenverteilung und die Teilnahmevoraussetzungen für Citizen Science sind unterschiedlich – bei manchen Projekten geht es bei der Definition der Forschungsfrage los, andere konzentrieren sich auf das Datensammeln oder die Analyse. Es sei auch möglich, dass man beim Schreiben der Publikation mithelfen darf. Bei den Tiroler Projekten „CITREE“ (citree.net), „Viel-Falter“ (viel-falter.at) sowie „Vielfalt bewegt!“ vom Österreichischen Alpenverein geht es um Naturbeobachtung und Datensammlung. Viele teilnehmende Institutionen stellen dafür Apps zur Verfügung. Manchmal erhalten die Bürger auch eine Einschulung.

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Das alles erfährt man, wenn man die Projektbeschreibungen auf der „Österreich forscht“-Seite liest. Und wer noch Fragen hat, kann diese direkt an den Projektleiter stellen. Seit Kurzem wird die Plattform nämlich durch eine Blog-Funktion ergänzt, über die Bürger in Kontakt mit den Forschern treten können.

Der Blog ist im Sinne eines dreistufigen Modells von „Österreich forscht“ entstanden: informieren, interagieren und mitforschen. Jede Institution, die auf der Seite vernetzt ist, kann bloggen – etwa Projektfortschritte, Zwischenberichte, Veranstaltungsankündigungen. Jeder Teilnehmer kann darauf reagieren, die Einträge kommentieren oder Fragen stellen.

„Es ist wichtig, dass man keine Scheu haben soll, Fragen zu stellen. Die Wissenschafter wollen mit den Bürgern forschen und freuen sich, wenn ihr Blog-Beitrag Anklang findet. Es soll ein Dialog entstehen“, betont Heigl. Inhaltlich verlassen sich Dörler und Heigl auf die Projekte, „weil wir sie kennen und wissen, dass sie verantwortungsvolle Inhalte publizieren“, so Heigl. Verschwörungstheoretikern werde damit nicht die Tür geöffnet, im Gegenteil: „Durch das Mitmachen in den Projekten bekommen die Bürger ein Verständnis dafür, wie Wissenschaft funktioniert. Durch das Mitmachen bekommt man eine Idee, dass komplizierte Probleme meist nicht einfach gelöst werden, wie das Verschwörungstheorien anbieten“, so Heigl.

Für Interessierte gibt es von 14. bis 16. September noch eine Gelegenheit, um in Citizen Science hineinzuschnuppern: die österreichische Citizen-Science-Konferenz erstmals komplett online und kostenlos für alle geöffnet (Anmeldung: citizen-science.at/konferenz).


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