Tödliche Einsamkeit: Jährlich rund 100 Suizidfälle in Tirol

In Tirol gibt es jährlich rund 100 Suizidfälle, die Dunkelziffer ist höher. Soziale Isolation und Beziehungsprobleme sind oft die Auslöser. Heute findet der Welt-Suizid-Präventionstag statt.

Elderly man sitting on bed looking serious - Indoors
© ASTNBENG

Ist Suizid im Jahr 2020 immer noch ein Tabuthema?

Astrid Höpperger: Suizid wird öfter kommuniziert als vor 20 Jahren. Die Zahlen in Österreich sind leicht gesunken, Maßnahmen wie die Telefonseelsorge greifen. Es ist jedoch nach wie vor ein Tabuthema. Menschen äußern diese Gedanken nicht oft, die wenigsten Angehörigen wissen etwas.

Ist es an der Zeit, dass über Suizid offener kommuniziert wird? Oder könnte dies noch mehr Menschen dazu animieren?

Höpperger: Es kommt immer darauf an, wie es kommuniziert wird. Es darf auf keinen Fall als Heldentat vermittelt werden. In der Zeitung sollten wenige Details dazu veröffentlicht werden. Es ist jedoch wichtig, dass darüber gesprochen wird. Im privaten Umfeld eignet sich eine professionelle Lebensberatung, ein Psychotherapeut oder die Telefonseelsorge. Denn es ist entlastend, in guter und geschützter Atmosphäre zu sprechen. So gibt man Menschen eine Möglichkeit, dass es nicht so weit kommt.

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📽️ Video | Astrid Höpperger zum Welt-Suizid-Präventionstag

Wie viele dokumentierte Fälle gibt es hierzulande im Schnitt? Wie sieht es im Europavergleich aus?

Höpperger: In Tirol gibt es jährlich zwischen 90 und 100 Fälle. Die Dunkelziffer ist jedoch deutlich höher. Bei manchen Auto- oder Bergunfällen ist es oft sicher kein Zufall, sondern geplant. Im europäischen Vergleich liegt Österreich im Mittelfeld, Länder wie z. B. Ungarn haben eine deutlich höhere Rate. Generell ist Suizid in Nord- und Osteuropa häufiger als in Südeuropa.

Durch das Internet sind Informationen leicht zugänglich, vor allem auf Instagram ist Suizid und Selbstverletzung präsent. Nimmt die Zahl bei jungen Menschen zu?

Höpperger: Die höchste Suizidrate haben nicht junge Menschen, sondern Personen im Pensionsantrittsalter, also zwischen 50 und 70. Natürlich ist das Internet gefährlich. Es gibt beispielsweise Foren, in denen sich Menschen animieren und auch zum Suizid verabreden. Es erfolgt viel mehr Austausch zu diesem Thema. Aber dennoch scheint es sich nicht drastisch ausgewirkt zu haben, wie die Zahlen belegen. Beiträge auf Instagram sind nicht der Beweggrund. Es sind tiefergehende Ursachen, die Betroffenen sehen bereits davor keinen Ausweg mehr.

Psychiater in Italien beklagen eine Suizidwelle, die auf die Folgen der Corona-Krise zurückzuführen ist (Anm.: finanzielle Nachwirkungen, positiv Getestete, Pflegepersonal). Haben Sie diese Befürchtung auch für Österreich, könnte das im Herbst ein Thema werden?

Höpperger: In Italien ist die Situation nochmal eine andere. Für die Pflegekräfte in der Lombardei z. B. war es viel dramatischer, allein, wenn man gesehen hat, wie erschöpft die Menschen waren. Durch Corona kann jedoch viel zusammenkommen. Selten ist nur ein Grund wie z. B. der Verlust des Jobs der Auslöser für einen Suizid. Damit geht beispielsweise eine Scheidung und soziale Isolation einher und derjenige kann keine Hoffnung mehr aufbauen. Man muss sich immer anschauen, welche Ressourcen ein Mensch hat, wenn eine Säule wegbricht.

Astrid Höpperger hat Theologie und Germanistik an der Uni Innsbruck studiert und eine Ausbildung zur Psychotherapeutin und Supervisorin gemacht. Seit 1989 leitet die Innsbruckerin die Telefonseelsorge Innsbruck (zu erreichen unter Tel. 142 und online unter www.telefonseelsorge.at). Im Jahr werden rund 16.000 Anrufe entgegengenommen. Davon melden sich rund 160 Anrufer zum Thema Suizid. In der Onlineberatung ist Suizid eines der häufigsten Themen (13 %).
© Michael Kristen

Was sind sonst häufige Motive für einen Suizid?

Höpperger: Ein ganz großes Problem ist die soziale Isolation. Diese hat zugenommen und prägt unsere Gesellschaft. Wir haben viele Anrufer zum Thema Einsamkeit. Ein weiteres Motiv sind Beziehungsprobleme. Man leidet darunter, zudem haben Betroffene Angst, in der Folge alleine zu sein. Auf der anderen Seite sehnen sich Singles nach Beziehungen. Das dritte große Thema sind psychische Erkrankungen.

Wie lange wird ein Suizid im Durchschnitt geplant? Passiert es häufig, dass Menschen sich spontan dazu entschließen?

Höpperger: Meistens ist es ein langer Prozess, bis das Leben unerträglich und ausweglos erscheint.

Hinterlassen Menschen manchmal auch Hinweise davor oder wird alles gut versteckt?

Höpperger: Es gibt beide Szenarien. Bei manchen Menschen kommen Familien nie auf den Gedanken, dass jemand gefährdet ist. Wenn man will, kann man es total verstecken. Man kann den Angehörigen keinen Vorwurf machen. Es gibt jedoch auch Personen, bei denen man es sehen könnte. Wenn jemand sich zurückzieht, ein Testament macht, plötzlich Risikosportarten ausübt oder es andere Verhaltensänderungen gibt, könnten dies Indizien sein.

Stimmt es, dass Personen, die einen Selbstmord ankündigen, diesen auch wirklich seltener ausüben?

Höpperger: Das ist leider falsch. Und es kommt auch oft vor, dass mit einem angekündigten Suizid jemand unter Druck gesetzt werden soll. Ein Beispiel wäre die Drohung mit Selbstmord, wenn der Partner einen verlässt. Oft glaubt man das nicht, es kann jedoch passieren. Erpressen darf man sich jedoch nicht lassen.

Was raten Sie, wenn man den Eindruck hat, dass jemand Hilfe braucht? Sollte man das Thema Suizid offen ansprechen oder geht dies zu weit?

Höpperger: Wichtig ist, das Thema anzusprechen. Natürlich mit Respekt und Einfühlsamkeit. Wenn man nicht weiß, wie und wann man das tun sollte, kann man sich bei uns davor beraten lassen.

Gibt es allgemeine Tipps, wie man zu diesem Thema sensibilisieren kann?

Höpperger: Medien können mit einem Artikel sensibilisieren. Auch Seminare und Veranstaltungen helfen. In den letzten Jahrzehnten wurde in guter Art und Weise darüber gesprochen.

Das Interview führte Manuel Lutz

Projekte zur Vorbeugung von Suizid

Bei unter 25-Jährigen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache. In der Gruppe der 75- bis 79-Jährigen ist das Suizid-Risiko fast zweieinhalbmal, bei 85-bis 89-Jährigen fast fünfmal so hoch wie das der Durchschnittsbevölkerung. „Mitte der 80er-Jahre war die Suizidrate fast doppelt so hoch. Man sieht, die Präventionsmaßnahmen helfen“, zieht Barbara Haid, Psychotherapeutin am Landeskrankenhaus Hall, anlässlich des heutigen Welt-Suizidpräventionstag Bilanz. Prävention ist für den ärztlichen Direktor des Landeskrankenhauses Hall, Christian Haring, besonders wichtig: „Wir sensibilisieren, dass Menschen Hilfe annehmen. In der Suizidprävention spielen auch Angehörige ein­e wichtige Rolle. Wir versuchen, möglichst viele Projekte anzubieten.“ Im Herbst wird z. B. ein mit Psychotherapeute­n besetztes Krisentelefon eingerichtet.

Die Projekte in Tirol sind für Wolfgang Schimböck vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie nennenswert: „Tirol können wir als Vorbild nehmen.“


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