Wenn das Unbestimmte hörbar wird: Klangspuren werden eröffnet

Der Innsbrucker Geiger Martin Mumelter kehrt heute beim Klangspuren-Eröffnungskonzert im Schwazer Silbersaal mit Adriana Hölszkys Violinkonzert auf eine Tiroler Bühne zurück.

Martin Mumelter, geboren 1948 in Innsbruck, lebt heute unweit von München.
© Michael Kristen

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Das Wiener Biotechnologie-Unternehmen Apeiron Biologics arbeitet mit Hochdruck an der Entwicklung eines Medikaments zur Behandlung schwer erkrankter Covid-19-Patienten. Apeiron, ein Begriff aus der frühesten antiken griechischen Philosophie, steht vieldeutig für das Unbegrenzte, vielleicht auch Unbestimmte, weniger abstrakt auch für das Prozesshafte. Wenn heute Freitag im Schwazer Silbersaal das auf die aktuelle Situation zugeschnittene Klangspuren-Festival eröffnet wird, ist – wie überall inmitten der Sicherheitsvorkehrungen – wohl auch die Grundstimmung eines Unbestimmten präsent. Apeiron wird an diesem Abend konkret, und wie es ihm und dem Wesen der Musik entspricht, ins Unendliche erweitert. Anlass ist die österreichische Erstaufführung des mit „Apeiron“ betitelten Violinkonzerts von Adriana Hölszky. Vor diesem Werk erklingt Hannes Kerschbaumers „schiefer für Orchester“, danach Gerd Kührs „Música pura“.

„Anlässlich ihres 65. Geburtstags vor zwei Jahren bekam Adriana Hölszky den Auftrag für ein Violinkonzert. Ich kannte sie bisher nur als prominente Komponistin mit einer Professur am Salzburger Mozarteum, wo ich eine Violinklasse leitete. Sie fragte mich, ob ich den Solopart übernehmen wolle, und hat mir das Werk schließlich auch gewidmet, das ich an ihrem Geburtstag mit dem Stuttgarter Kammerorchester uraufführen durfte.“ Martin Mumelter hat seither nicht aufgehört, an dem Konzert weiter zu arbeiten, hingerissen zu sein von Hölszkys Präzision und Detailarbeit, von ihrer Grenzdurchdringung, ihrem Zugriff auf Orchesterverbindungen, auch von den Abgründen: „In ein Ganzes gebunden, werden in der Kunst Abgründe schön.“

Adriana Hölszky sollte heuer Composer in Residence der Klangspuren sein und die Aufführung des Violinkonzertes mit dem Uraufführungssolisten Teil davon. Vieles hat sich Corona-bedingt erübrigt, aber das Konzert konnte gerettet werden und erklingt nun mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Titus Engel in Anwesenheit der Komponistin. Mit Mathias Spahlingers „doppelt bejaht“ am kommenden Sonntag konnte ein weiteres ursprünglich geplantes Projekt ins sonst völlig neu gestaltete Klangspuren-Programm 2020 übernommen werden.

Der Innsbrucker Geiger Martin Mumelter hat schon als Student seine Affinität zur Musik der Moderne und der Gegenwart gezeigt und wurde dann von bedeutenden Dirigenten und Orchestern (RSO und Wiener Symphoniker, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Tiroler Symphonieorchester) geholt für die Violinkonzerte von Arnold Schönberg, Alban Berg, Bernd-Alois Zimmermann, Tadeusz Baird, Alfred Schnittke, Richard Dünser u. a. Dazu kam viel Kammermusik und eine große Bach-Liebe, verbunden mit dem Interesse an historischen Praktiken und Instrumenten.

Am Mozarteum gründete und leitete Mumelter, der heute nahe München lebt, ein Institut für Neue Musik. „Im Lauf der Jahrzehnte ist die Neue Musik pluralistischer geworden, wobei nicht jeder und alles gilt. Das Feld ist weit genug, man wurde qualitätsbewusst, Komponisten und Interpreten müssen sich behaupten können. Manche Stile, wie das Serielle, gelten als überholt, aber nach 100 Jahren wird das Beste daraus ausgegraben sein.“

Noch übt Martin Mumelter täglich, aber „ich möchte aufhören, solange es noch gut ist“. Pläne gibt es natürlich für die Zukunft, mit dabei Variationen über ein Thema von Max Reger von Erich Urbanner. Und da sind die Meisterwerke, die Mumelter seit jeher so spannende Entfaltungsmöglichkeit bieten.

Das überarbeitete Programm der Klangspuren 2020 im Überblick

Schwaz, Innsbruck – Das Festival Klangspuren findet heuer unter dem Motto „Zeitzeichen“ verkürzt und mit weitgehend neuem Programm statt. Die Bedingungen waren hart für den künstlerischen Leiter Reinhard Kager, und nicht nur der unglaublich kurzen Zeit und der Sicherheitsbestimmungen wegen. So darf auch nur eine bestimmte Höchstzahl an Musizierenden auftreten. Im Fokus stehen vorrangig in Österreich lebende Künstlerinnen und Künstler, deren herausragende Qualität auf das hohe Niveau der heimischen Musikszene verweist.

Im Silbersaal des Schwazer SZentrum findet heute Freitag ab 20 Uhr das Eröffnungskonzert mit Werken von Hannes Kerschbaumer, Adriana Hölszky und Gerd Kühr statt (siehe Bericht links). Die Klangwanderung führt am Samstag durch Schwaz, abends erwarten Musik von Perluigi Billone mit dem Ensemble Phace und zwei Sängerinnen das Publikum im Innsbrucker Haus der Musik.

Am Sonntag müssen die Musiker und Musikerinnen des œsterreichischen ensembles für neue musik in Schwaz selbst entscheiden, welche musikalischen Wege sie durch Mathias Spahlingers Angebote wählen.

Am 14. September gibt es im Haus der Musik Innsbruck ein Wandelkonzert, am 16. musizieren dort Teilnehmer der International Ensemble Modern Academy. Davor konfrontiert Wolfgang Mitterer in der Hofkirche die Ebert-Orgel mit seiner Elektronik. Studio Dan tritt am 17. im Haus der Musik auf, am 18. und 19. erfüllen sechs Improvisationskonzerte den Schwazer Silbersaal. Den finalen Höhepunkt gestaltet am 20. im Haus der Musik Innsbruck das Klangforum Wien. (u.st.)

Mehr Infos: www.klangspuren.at


Kommentieren


Schlagworte