Peymann gibt Debüt im Theater in der Josefstadt

Nach der coronabedingten Verschiebung ist es nun soweit: Am 17. September eröffnet Ex-Burgtheater-Direktor Claus Peymann im Theater in der Josefstadt mit den Thomas-Bernhard-Dramoletten „Der deutsche Mittagstisch“ die neue Saison - und gibt sein Debüt an jenem Haus, auf das er früher „etwas herabgeschaut“ habe. „Jetzt stellt sich heraus: zu Unrecht!“, sagt er im Gespräch mit der APA.

Während der Proben habe sich mit u.a. Sandra Cervik, Raphael von Bargen, Michael König und Bernhard Schir ein richtiges „Bernhard-Ensemble“ gebildet, mit dem er „am liebsten sofort weiterarbeiten“ würde, deutet der 83-Jährige seinen Wunsch an, auch künftig am Haus zu arbeiten. Der Kulturpolitik stellt er in Coronazeiten ein schlechtes Zeugnis aus, den Impuls, gegen die Beschneidung des Rechts auf Freiheit zu demonstrieren, kann er verstehen. In der Wiener Theaterlandschaft ortet Peymann unterdessen eine Neuordnung, das neue Stück „Zdenek Adamec“ von Peter Handke will er erst inszenieren, „wenn es dann alle versaut haben“.

APA: Eine Frage, die in Pandemie-Zeiten ernst gemeint ist: Wie geht es Ihnen?

Claus Peymann: Natürlich bin ich gerade stark besetzt durch die Endproben. Die Schauspieler sind so gut, da könnte ich eigentlich zu Hause bleiben (lacht). Im Ernst: Ich empfinde das Ensemble als großes Glück, ich lerne ja viele der Schauspieler hier an der Josefstadt in der gemeinsamen Arbeit gerade erst kennen. Als ich Burgtheaterdirektor war, vor 25 Jahren, haben wir immer etwas herabgeschaut auf „die Josefstadt“. Jetzt stellt sich heraus: zu Unrecht!

Und zu dem tollen Ensemble hier haben wir noch zwei „Kapazunder“ mitgebracht: die Wienerin Lore Stefanek und Traute Hoess. Beide haben verrückte Beziehungen zu Wien und zur Josefstadt ... Wir sind wirklich eine kleine, spielfreudige, deutsch-österreichische „Wander-Schauspieler-Truppe“ geworden ... ja, die Schauspieler sind ganz toll! Natürlich bin ich aufgeregt, aber dafür hab ich ja gar keine Zeit. Ob es mir gut geht? Was heißt das für einen 83-Jährigen? Gut geht‘s mir natürlich nicht, denn ich wäre lieber erst 63.

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APA: Im Frühjahr haben Sie sich vehement für eine rasche Corona-Lösung für die Theater eingesetzt und moniert, dass die Kultur in der Debatte rund um Baumärkte verdrängt wurde. Hat sich dieser Eindruck mittlerweile gelegt?

Peymann: Nein, nicht wirklich. Nach wie vor gibt es ja auch kaum Politiker, die sich für Kunst interessieren oder gar etwas von ihr verstehen. Wir haben praktisch keine Lobby, niemanden, der uns wirklich hilft. Wenn ich daran denke, dass in der Bundesrepublik Deutschland 700 Milliarden Euro für Firmen ausgegeben werden, die sich ohnehin schon kaputt gewirtschaftet haben, unabhängig von der Seuche... Schon bei Bernhard sagt eine der Bäuerinnen in einem der Dramolette: „...Aber wer woas, mit was für an Geld?...“ Die Vorstände kassieren die Boni, während die Angestellten um ihre Arbeitsplätze bangen! Aber darin erkennt man die schändliche Missachtung dessen, was Europa ausmacht. Europa definiert sich doch durch die Kultur, nicht durch Konzerne wie die Bahn oder die Fluglinien. Das Kulturgut - das ist doch Europa! Und das, was unser Leben ausmacht, wofür es sich zu kämpfen lohnt, wird - man weiß noch nicht wie es ausgeht... - wahrscheinlich stark beschädigt. Wir Theaterleute werden allein gelassen mit der Sorge, ob, wann und wie amputiert wir aus dieser Krise wieder herauskommen werden.

Und es ist ja völlig absurd: Menschen sitzen in überfüllten Kneipen und zechen, sie sitzen dicht an dicht in der Straßenbahn und in ausgebuchten Flugzeugen und Zügen. Aber im Theater müssen wir uns alle sklavisch an die absurdesten Regeln halten... Wo ist da die Logik? Wem wird das am Ende nützen? Und wo bleiben die kleinen Theater, die Träumer, die Künstler? Es handelt sich hier nicht allein um eine medizinische Krise, sondern auch um eine politische. Das macht mir Sorgen.

APA: Glauben Sie, dass die Krise sich nachhaltig auf Produktion und Rezeption von Kultur auswirken wird? Gerät Kultur in eine elitäre Nische und wird für immer weniger Menschen zugänglich werden?

Peymann: Alle müssen sich Kultur leisten können, dafür muss der Staat, dafür müssen die Theater, Opern, Museen... sorgen. Das ist der Auftrag. Und wir waren auf so einem guten Weg! Jetzt könnte es wieder bergab gehen. Niemand weiß, wie es ausgeht. Vielleicht sollte es mich auch gar nicht mehr interessieren, ich bin 83. Früher war ich König, jetzt bin ich Angestellter. Fest steht: Es ist ein Augenblick großer Gefahr und Gefährdung. Aber die Kunst, der Kulturbetrieb, schläft nur einen Augenblick - und träumt weiter. Wir werden das überstehen. Die Theater werden wiederkommen. Und da fangen wir „Alten“ einfach einmal an! Ich, mit meinen 83, Freyer mit seinen 86 - und fast das gesamte Ensemble ist auch schon kurz vor der Rente ... Wir werden wiederkommen, am 17. September haben wir Premiere!

APA: Aber ohne finanzielle Zuschüsse kann es für manche in den kommenden Monaten eng werden...

Peymann: Kultur in jeder Form ist ein Überlebenselixier. Die kann man nicht abschaffen. Man kann sie vielleicht in die Keller stecken oder in die Vororte, aber sie lebt und lebt immer weiter. Ich bin nicht der Meinung, dass die Demonstranten in Deutschland Recht haben, das ist ziemlich beschissen und lächerlich, was die da treiben - und nicht zuletzt mischen sich da die Rechtsradikalen drunter. Aber den Impuls zu protestieren, wenn Freiheit und Grundrechte infrage gestellt werden, muss man ernst nehmen.

APA: Sie haben den Lockdown in Deutschland verbracht, während Sie ursprünglich an der Josefstadt proben hätten sollen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Peymann: Ich wohne in einem schönen (gemieteten) Haus mit einem großen Garten. Dort habe ich Kartoffeln gepflanzt. Ich gebe zu, das ist dieses Vorratsdenken, ich bin ja aus der Kriegsgeneration. Aber dann sind nachts die Wildschweine gekommen und haben alles ausgegraben und aufgefressen... Ich war aber tatsächlich vor allem zu Hause, bin kaum unter Leute. Trotzdem habe ich, offen gesagt, all den sich ständig widersprechenden Maßnahmen, von Anfang an misstraut und habe ja in vielem - traurigerweise - Recht behalten. Ich hätte mir von Anfang an auch mal ein: „Wir wissen es nicht!“, ein ehrliches, offenes Wort der Politiker gewünscht. Statt dessen überboten sie sich mit ihren Angstszenarien, Maßnahmen - und leider auch: Wahlkampfauftritten. Die Spargelstecher wurden dann aus Osteuropa eingeflogen, während die Flüchtlinge in Moria bis heute unter den erbärmlichsten Bedingungen ausharren müssen. Welch ein Armutszeugnis.

APA: Was bedeutet die aktuelle Situation für die Gesellschaft?

Peymann: Auf eine schreckliche Weise kehrt das Mittelalter zurück. Zugleich erleben wir ein neues Biedermeier der Überkorrektheit, Prüderie - und den Sieg der braven „Mittelmäßigen“. Auf der anderen Seite dann die Schreihälse der neuen Nazis - überall in Europa. Das ist beängstigend! Es sind merkwürdige, beunruhigende Verhältnisse und Zustände. Vielleicht erleben wir gerade eine Zeitenwende? Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass etwas Vernünftiges, Gutes daraus entsteht. Aber das ist nicht mehr mein Job. Ich kann nur appellieren: Vergesst nicht die Fantasie, die Träume, die Utopien von einer besseren Welt!

APA: Ursprünglich wollten Sie - 50 Jahre nach der Uraufführung - „Ein Fest für Boris“ inszenieren, haben sich aber „aus gegebenem politischen Anlass“ für „Der deutsche Mittagstisch“ entschieden. Warum genau?

Peymann: Eigentlich war die Entscheidung längst gefällt, ich wollte „Boris“ unbedingt nochmal machen. Die politische Situation - sowohl in Deutschland als auch in Österreich, ja, man kann sagen: in ganz Europa - hat sich aber so zugespitzt, dass diese scheinbar kleinen, bösen, sehr lustigen Dramolette brandaktuell geworden sind. Herbert Föttinger, der Josefstadt-Direktor, hat deshalb nicht lockergelassen und mir zugeredet, sie zu machen. Da ist so viel drin: Das Wiederaufflammen von nationalsozialistischen Gedanken, verdeckter Rassismus und Antisemitismus bis in die höchsten Kreise... bis hin zu den Ewig-Gestrigen, die sich wieder zusammenscharen und gemeinsam Nazilieder singen. Die Tagespolitik spielt uns in die Hände und wird zum Hilfsdramaturgen für die Josefstadt. Thomas Bernhard ist ein Prophet. Er hat vorausgesehen, wohin die Chose läuft. Und er hat leider recht behalten.

APA: Für die Dramolette haben Sie ja nur eine begrenzte Zahl von Schauspielern für die vielen Rollen zur Verfügung...

Peymann: Das ist ein großer Spaß! Verblüffend... In diesen acht Wochen ist ein verrücktes Ensemble im Ensemble entstanden, ein Bernhard-Ensemble! Alle machen mit! Mit unseren beiden österreich-affinen „Gästinnen“ Lore Stefanek und Traute Hoess und den acht fantastischen Schauspielern der Josefstadt würde ich am liebsten sofort weiterarbeiten. Es gibt große Leidenschaft und Neugier! Am Sonntag war ich in Grinzing an Bernhards Grab und habe von den Proben erzählt. Ob er mich wohl verstanden hat?

APA: Das klingt so, als hätten Sie große Lust, auch künftig mit diesem „Bernhard Ensemble“ zu arbeiten... Werden Sie weitere Stücke am Haus machen?

Peymann: Das dürfen Sie nicht mich fragen, sondern den Direktor. Ich bin frei! (lacht) Aber die Planungen...! Heutzutage müssen Theaterdirektoren Jahre im Voraus planen, da wird mir ganz schwindelig. Ich war in meiner Zeit als Burgtheaterdirektor - eigentlich an all meinen Theatern - immer spontan, konnte schnell umdisponieren, falls es wichtig war. Die Burg ist ja eigentlich nicht regierbar. Mir hat Kardinal König (wir kannten uns vor allem von den Beerdigungen am Burgtheater) einmal gesagt: „Wissen‘S, Herr Peymann, es gibt zwei Häuser in Wien, die können‘S nicht in den Griff bekommen: Das Eine ist der Stephansdom, das Andere das Burgtheater.“ Da war so ein politischer Chaot und Träumer wie ich gerade richtig. Ich hab‘s ja von der Pieke auf gelernt, kann Theater leiten. Ich konnte mir leisten zu improvisieren - so wie die Josefstadt mit der kurzfristigen Entscheidung für den „Deutschen Mittagstisch“ auch Mut gezeigt hat. Das zeigt die Professionalität des Hauses.

APA: Sie haben kürzlich gesagt, im Wiener Theaterbetrieb ist eine Lücke entstanden. Wie meinen Sie das?

Peymann: Das Wiener Theatersystem formiert sich neu. Es gibt neue Direktoren am Volkstheater und am Burgtheater. Die Szene verändert sich mit den Zielen, den Personen und Strukturen. Da wird neu gewürfelt. Und jetzt ist die Frage: Wer hat die „Poleposition“? Das Burgtheater hatte sie viele Jahre - zumindest in meinen 13 Jahren. Und die hat sie nicht mehr. Daran ist nicht der neue Direktor schuld (Martin Kusej, Anm.), der wie ich höre eine etwas schwierige erste Saison hinter sich hat... Ich bin glücklich, dass ich „Claus Peymann kauft sich eine Hose“ weiterspielen und meine Bernhard-Lesungen machen darf, die sind ja immer ausverkauft. Aber Kusejs erste Spielzeit war von mancher falschen Idee begleitet. Zum Beispiel das Diktum, dass nur die inszenieren dürfen, die noch nie am Haus gearbeitet haben - das würde ja auch für ihn selbst gelten! Das ist völliger Quatsch. Aber das wird er noch lernen. Man kann ja lernen, ein Theater zu leiten. Oder eben nicht.

APA: Hätten Sie sich damals, als Burgtheaterdirektor, gedacht, dass Thomas Bernhard im 21. Jahrhundert wie ein Säulenheiliger verehrt wird? Was würde er davon halten?

Peymann: Er hätte kein Bewusstsein für diesen Ruhm gehabt. Das geht auch mir so. Ich sollte mich ja freuen, wie viele Leute mich jetzt lieben, genauso wie sie mich damals gehasst haben. Aber das ist eine berühmte österreichische Krankheit. Dass man nicht glaubt, dass man so gut ist, wie man ist. Ein einziger Stadtteil von Wien hat ja mehr Genies hervorgebracht als ganz Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder die Schweiz. Was hier an Genies herumläuft, ist ein Wahnsinn. Aber das wollen die Österreicher selbst nicht glauben. Darunter leiden die lebenden Genies. Auch Peter Handke. Der bekommt den Nobelpreis und alle - vor allem die, die seine Literatur nicht kennen - schreien gleich: „Das ist ja furchtbar, mit den Serben, was war denn da los?“ Österreicher können nicht stolz auf sich selbst sein. Das ist sympathisch, aber für die großen Dichter, die zugleich Propheten sind, lebensgefährlich: immer wird auf Vernichtung geblasen.

APA: Wo Sie Peter Handke erwähnen. Haben Sie sein neues Stück „Zdenek Adamec“ in Salzburg gesehen?

Peymann: Ich konnte nicht nach Salzburg fahren, weil ich Proben hatte. Aber hab ich was versäumt?

APA: Hätten Sie die Uraufführung gern selbst inszeniert?

Peymann: Ja. Natürlich. Ich habe 11 Stücke von Handke uraufgeführt. Er ist ein wesentlicher Teil meines Theaterlebens. Was der Stücke-Vernichter Castorf mit Handkes Text im kommenden Jahr am Burgtheater will, weiß ich nicht. Ich hätte es gerne gemacht, und insgeheim suche ich ein Theater dafür. Und wenn es dann alle versaut haben, kann ich mein Glück versuchen und allen zeigen, wie‘s geht (lacht).


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