Corona-Krise trifft Branche hart: „Brutale Auslese“ in der Autoindustrie

Die Autoindustrie befindet sich in ihrer größten Krise. 370.000 Arbeitsplätze hängen in Österreich von der Branche ab.

Alleine in Deutschland sind 100.000 Arbeitsplätze in der Autoindustrie bedroht.
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Berlin, Wien – Die Autoindustrie steckt nicht erst seit Corona in einer tiefen Krise. Aber die Kaufzurückhaltung angesichts der wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise verschärft die Probleme insbesondere der deutschen Autobauer massiv. Das hat auch starke Auswirkungen auf die Zulieferer, die nicht selten in Österreich sitzen. Vor allem mittelständische Zulieferer hängen am Verbrenner. Ihnen droht wegen der Absatzflaute in der Corona-Pandemie das Geld auszugehen – und die Kraft, in die Zukunft zu investieren. Jobs stehen auf dem Spiel. Am Mittwoch kündigte Schaffler an, 4400 weiter­e Stellen zu streichen, betroffen könnten davon auch die österreichischen Standorte sein.

1Umsätze: Nach einem operativen Gewinn von 21,8 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum wiesen die 17 größten Auto­konzerne der Welt im abgelaufenen Quartal insgesamt einen operativen Verlust von 10,8 Milliarden Euro aus. Nur sechs Unternehmen schrieben schwarze Zahlen, ein Unternehmen – Tesla – konnte seinen Gewinn steigern, zeigt eine Studie des Beraters EY. „Die Pandemie hat die weltweite Automobilindustrie zeitweise fast zum Stillstand gebracht – mit entsprechend katastrophalen Folgen für die Umsatz- und Gewinnentwicklung“, sagt Gerhard Schwartz, Leiter des Bereichs Industrial Products bei EY Österreich.

2Konsolidierung: „Die Konsolidierung beschleunigt sich – diese Kris­e werden nicht alle Auto­hersteller und erst recht nicht alle Zulieferer überleben“, warnt Schwartz. Die Konzerne würden näher zusammenrücken und sehr viel enger zusammenarbeiten müssen als bisher. Auch an Werkschließungen führ­e kein Weg vorbei, sagt Schwartz: „Es gibt keinen Grund, Kapazitäten vorzuhalten, die auf absehbare Zeit nicht gebraucht werden und die massiv die Margen belasten.“ Entsprechend rechnet er mit Arbeitsplatzverlusten im großen Stil: „Das große Erwachen wird wohl erst im nächsten Jahr kommen. Dann wird es eine brutale Auslese geben.“

3 Autobauer haben bereits vor dem Beginn der Corona-Krise wegen hoher Investitionen in E-Autotechnologie den Abbau von Arbeitsplätzen und Umstrukturierungen angekündigt. Viele haben in den vergangenen Wochen nachgeschärft. Allein­e Renault hat den Abbau von weltweit rund 15.000 Stellen und Kostensenkungen im Umfang von rund zwei Milliarden Euro angekündigt. Der kriselnde US-Autohersteller Ford will bis Jahresende 1400 Stellen abbauen. Der deutsche Auto-Konzern Daimler will in den nächsten Jahren mindestens 20.000 Stellen streichen. Das sind nur drei Beispiele, die sinnbildlich für die Krise der Autobranche stehen. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer erwartet allein in der deutschen Autoindustrie den Abbau von 100.000 Arbeitsplätzen. Das hat auch massive Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft.

4 Österreich: Im Jahr 2017 beschäftigte die Fahrzeugindustrie in Österreich knapp 35.200 Mitarbeiter in rund 150 Unternehmen. Insgesamt hängen rund 370.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Automobilwirtschaft und deren Zulieferern ab. Mit einem Auslandsumsatz von 14,1 Milliarden Euro ist diese die zweitwichtigste Exportbranche Österreichs. Trotz der Erholung bei den österreichischen Exporten gingen im Bereich „Maschinen und Fahrzeug­e“ die Ausfuhren im Juni erneut um 9 Prozent zurück, erklärte die Statistik Austria kürzlich.

Die Situation bei österreichischen Zulieferern für die Autoindustrie ist dementsprechend angespannt. Der Chef des österreichischen Autozulieferers Polytec, Markus Huemer, erklärte am Freitag im Ö1-Wirtschaftsmagazin „Saldo“ „Anpassungen“ beim Personal am Standort Hörsching. Die VW-Tochter MAN will im Werk in Steyr 2300 Arbeitsplätze abbauen.

Hoffnung für die heimische Autobranche gibt die hohe Technologisierung und Ausrichtung auf Elektro­mobilität. Das BMW-Motorenwerk Steyr hat sich exklusiv die Fertigung sämtlicher E-Antriebsgehäuse für den neue­n iX3 des Autoherstellers gesichert. Zudem hat Magna Steyr einen Vorvertrag mit dem kalifornischen Autobauer Fisker Inc. zur möglichen Produktion eines batterieelektrischen Luxus-SUV unterzeichnet. Das Fahrzeug soll mit nachhaltigen Materialien gebaut werde­n. (APA, dpa, ecke)


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