„Über die Unendlichkeit“: Die filmische Leichtigkeit des Seins

Roy Andersson ist der Søren Kierkegaard unter den Filmemachern. In seinem neuen Film denkt er „Über die Unendlichkeit“ nach.

In aufwändig gestalteten Tableaus hadern Roy Anderssons traurige Helden mit den Absurditäten des menschlichen Daseins.Foto:
© Polyfilm

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Roy Andersson ist der Søren Kierkegaard unter den Filmemachern. Der 77-jährige Schwede macht in seinen Werken das, was die Titelheldin seines erfolgreichsten Films tut: „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ brachte ihm 2014 den Goldenen Löwen beim Filmfestival von Venedig ein. Während diese Woche die Corona-Ausgabe des Festivals über die Bühne geht, kommt sein bisher letzter Film in die heimischen Kinos. Mit dem ebenfalls episodischen „Om det oändliga – Über die Unendlichkeit” holte er vergangenes Jahr in Venedig den Preis für die beste Regie.

Angesichts der existentialistisch-nihilistischen Überlegungen, die Andersson darin anstellt, wirkt der Preisregen aber durchaus unbedeutend.

2012 nach seinen Lieblingsfilmen befragt, nannte Andersson einige berühmte Titel, deren absurder Humor oder wunderbar-tiefe Traurigkeit sich auf die ein oder andere Art auch in seinem aktuellen Film wiederfinden lassen: Fellinis „Amarcord“, Tarkowskis „Andrei Rublev“, Kubricks „Barry Lyndon“ sind darunter sowie De Sicas „Ladri di biciclette“, Kurosawas „Rashomon“ oder Resnais’ „Hiroshima mon amour“.

📽️ Video | "Über die Unendlichkeit" (Trailer deutsch)

„Über die Unendlichkeit“ spielt erneut mit der reduzierten Bildsprache von aufwändig gestalteten statischen Tableaus in pastellig-grau gehalten Farbtönen. Anders als in seinem Tauben-Film, der nur auf wenige lange Szenerien konzentriert war, breitet sich Andersson nun vergleichsweise weit aus und wechselt die absurden Momente in kürzerem Rhythmus. Dabei handelt es sich quasi um Kürzestgeschichten, die der langjährige erfolgreiche Werbefilm-Regisseur hier in ebenso traurige wie witzige Szenen verwandelt, darunter ebenso grausame wie zärtliche Momente. Begegnungen auf einem Fischmarkt, die verschneiten Straßen von Stockholm, eine Zahnarztpraxis und eine Bar werden von einem Ensemble stoischer Figuren bevölkert, die die finnischen Regie-Brüder Aki und Mika Kaurismäki nicht wortkarger hätten filmen können.

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Wenn die traurigen Helden dieses Films einmal das Wort ergreifen, bricht die ganze Absurdität des Daseins aus ihnen heraus, wie beim Priester, der darüber jammert, dass er seinen Glauben verloren hat. Dazu passen die biblischen Parabeln, die in manchen Szenen anklingen oder bei einem Kreuzgang durch die Straßen sogar explizit werden. Und am Ende läuft eine fast endlose Reihe gefangener Soldaten durch eine verschneite Winterlandschaft, der Ewigkeit entgegen.


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