Atelier Van Lieshout im Kunstraum Dornbirn: Die Uhr heilt alle Wunden

Mega-Installation mit einem tickenden Zeitmesser als Herzstück: Atelier Van Lieshout macht den Kunstraum Dornbirn zum Maschinenraum.

Die Arbeit „Pendulum“ steht zentral in der ehemaligen Industriehalle. Im Namen der Kunst sind hier wieder Maschinen eingezogen.
© Todorovic

Von Barbara Unterthurner

Dornbirn – Es tickt, es knarzt, es scheppert. Die ehemalige Montagehalle, in der noch bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts Turbinen gefertigt wurden, ist wieder zum Maschinenraum geworden. Selbstverständlich im Namen der Kunst. Atelier Van Lieshout zeigt im Kunstraum Dornbirn aktuell die beeindruckende Schau „The Clock which will Solve Every Problem in the World“.

Eine Welt aus Maschinen, Zerstörung und Neu-Zusammensetzen entstand dort aus der zentralen Arbeit „Pendulum“, eine riesige, mit grellgelbem Polyester überzogene Uhr, die den Lebenstakt vorgibt und mit jedem Schlag an das nahende Ende von einfach allem erinnert. Ein Ablaufdatum haben auch die Protagonisten der Videos, die im Raum laufen. Mit purer Gewalt werden hier zum Schrott erklärte Gebrauchsgegenstände zerstört: Schwere Metallkugeln zerquetschen Einkaufswagen, zerdeppern Computer, zertrümmern Motoren. Daraus werden im Raum aber erneut Werke: eine Skulptur aus Waschmaschinentrommeln etwa oder das aufgerichtete Skelett eines Volvos, das als monumentale Plastik vor der Halle das Publikum begrüßt.

Vergehen und Entstehen geht bei allen ausgestellten Werken Hand in Hand, was ob des unaufhörlich tickenden Countdowns fast schon wieder beruhigend wirkt. Wo etwas zerstört wird, erwächst Neues. Die Uhr heilt alle Wunden – das verrät bereits der Ausstellungstitel.

Das Spiel mit Ambivalenzen wohnt dem Werk von Joep van Lieshout seit jeher inne. Der Künstler positioniert sich an der Grenze zwischen Design, Architektur und Kunst und schält sich an etlichen Stellen aus klassischen Kategorien heraus. So gründete Van Lieshout 1995 in Rotterdam eine nach ihm benannte Werkstatt als Antithese zum einsamen Künstlergenie. In dieser anderen Art von factory arbeiten Handwerker, Kunststudenten, Kreative angetrieben vom unermüdlichen Schaffenstrieb ihres Chefs. Was dabei herauskommt, ist mal Utensil, wie ein Möbel oder gar eine Waffe, mal Kunstwerk – und vieles ist pure Vision; mit dem Werkkomplex „Slave City“ etwa malte Van Lieshout ab 2015 ein düsteres Bild der Stadt der Zukunft: ein in sich geschlossenes System, hocheffizient und profitabel, Utopie und Dystopie zugleich.

Schaurig wirkte schon die Ausstellung von Atelier Van Lieshout 2010 im Kunstraum Innsbruck. In der letzten von Stefan Bidner kuratierten Schau wurde der Ausstellungsort zur Kammer des Schreckens. Auf Operationstischen stapelten sich geöffnete Leiber, auf dem Boden krochen elende Kreaturen, von der Decke baumelten Ausgeweidete. Allesamt knochenfarben.

In der aktuellen Schau in Dornbirn verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom Organischen hin zur Maschine, einem heute ebenso intelligenten Wesen. In seiner Gesamtheit scheint die Installation auch zu leben, formt sich zu einem Gewächs, das atmet, sich bewegt, Geräusche macht – mit einer Uhr als Herzstück. Kabel verbinden Zentren wie Adern, Gewichte, Verstrebungen halten den Motor am Laufen.

Irgendwo atmet die Arbeit noch den Geist der frühen Maschinenskulpturen eines Jean Tinguely; deren durchaus noch spielerischer Zugang wurde heute aber längst von Diskussionen um Wegwerfgesellschaft und Künstliche Intelligenz eingeholt. Noch aber tickt, knarzt, scheppert es.

Kunstraum Dornbirn. Jahngasse 9, Dornbirn; bis 8. November, täglich 10 bis 18 Uhr.


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