Doping-Prozess gegen Mark S. hat begonnen

Der mutmaßliche Doping-Doktor Mark S. saß mit meist verschränkten Armen auf der vordersten Anklagebank und hörte der detaillierten Anklageverlesung zu. Jahrelanges Blutdoping, eine aufwendige Logistik, Sportler als lebende Blutpakete, Betrug bei großen Sportevents wie Olympia, Weltmeisterschaften und der Tour de France: Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sind umfangreich.

Selbst äußern wollte sich der 42-Jährige am ersten Verhandlungstag nicht. In einem der größten deutschen Dopingverfahren hat am Mittwoch vor dem Landgericht München II der Prozess gegen den Erfurter Arzt und vier mutmaßliche Helfer begonnen. Mit einem harten Urteil gegen Mark S. sollten Betrüger gewarnt und das seit 2015 bestehende Anti-Doping-Gesetz gestärkt werden. Dem Arzt als Kopf der Doping-Gruppe drohen laut einer Einschätzung des Gerichts vier bis sechs Jahre Haft - und das nur, wenn er umfänglich gesteht.

Mark S. wollte sich zum Prozessauftakt nicht selbst zu den Vorwürfen äußern. Seine Anwälte aber kündigten an, dass Einlassungen im Laufe der folgenden 25 Verhandlungstage geplant seien. Auch drei andere Angeklagte wollten aussagen, wie es hieß.

Die Anwälte eines Angeklagten verlangten am Mittwoch die Einstellung des Prozesses, weil mehrere Grundsätze eines fairen Verfahrens gegen ihren Mandanten verletzt worden seien. Unter anderem ging es darum, dass in der Anklageschrift auch Taten auftauchten, die allein nicht strafbar seien: Beispielsweise ist es erlaubt, Blut abzunehmen. Das Aufbereiten und Wiederrückführen des Blutes aber ist verboten.

Oberstaatsanwaltschaft Kai Gräber hatte zuvor vorgetragen, wie das Quintett gewerbsmäßig und zum Teil bandenmäßig Sportler gedopt haben soll. Fast 150 Fälle listeten die Strafverfolger auf. Betroffen waren Events wie die Olympischen Winterspiele 2014 und 2018, die Tour de France 2018, der Giro d‘Italia 2018 und die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften - ganz große Sportstars aber sollen nicht in den Zirkel involviert sein.

Immer wieder trafen sich Sportler wie der in Österreich bereits verurteilte Langläufer Johannes Dürr - der mit einem ARD-Interview die Ermittlungen erst angestoßen hatte - und die Angeklagten in Hotels, auf Rasthöfen, in Schnellimbissen und in eigens angemieteten Wohnungen, um Blut abzunehmen oder wieder zurückzuführen. Blutbeutel wurden dazu von Mark S. oder den Helfern durch ganz Europa gefahren.

Weil dies etwa bei den Winterspielen in Pyeongchang nicht möglich war, injizierten Mark S. und eine angeklagte Krankenschwester mehreren Wintersportlern je ein Liter Extra-Ladung Blut, das diese dann in ihren Adern nach Südkorea flogen. In der Anklage ist von „Eigenblutbodypackern“ die Rede. Als Thrombosevorkehrungen gaben die Angeklagten den Athleten noch Blutverdünnungsmittel mit auf den Flug. In einem Fall drängte Mark S. laut Anklage eine Mountainbikerin zur Einnahme eines gefährlichen Präparats, woraufhin ihr schlecht wurde und sich ihr Urin rot färbte. Erst nach einer Weile ging es der Österreicherin besser.

Die angeklagte Krankenschwester war eine von zwei Verdächtigen, die am 27. Februar 2019 im Tiroler Seefeld bei einer Razzia festgenommen wurden. Während der nordischen Ski-WM soll sie Sportler gedopt haben. An jenem Tag wurden die Ermittlungen der „Operation Aderlass“ öffentlich gemacht. Insgesamt identifizierten die Ermittler 23 involvierte Sportler, in Deutschland und Österreich wurde gegen 50 Personen ermittelt. Besonders Winter- und Radsportler zählten zum Kundenkreis des Arztes. Aus Österreich hatte Mark S. Kunden wie etwa die Radprofis Georg Preidler und Stefan Denifl sowie die Langläufer Max Hauke, Dominik Baldauf, Johannes Dürr und Harald Wurm.


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