Kammeroper „Der Leuchtturm“: In der Weite der See eingeschlossen

Peter Maxwell Davies’ eindringliche Kammeroper „Der Leuchtturm“ vorzüglich besetzt in den Kammerspielen.

Was geschah auf der kleinen schottischen Insel? Die drei Offiziere berichten, von einem Horn befragt, dem Gericht von dem unerklärlichen Verschwinden der drei Leuchtturmwärte­r.
© Birgit Gufler

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Drei Männer, die den Leuchtturm einer kleinen Insel vor Schottland warten, verschwinden auf unerklärliche Weise. Eine wahre Begebenheit des Jahres 1900, bis heute ungeklärt, diskutiert und gedeutet. Peter Maxwell Davies († 2016), einer der bedeutendsten Komponisten Großbritanniens, lebte auf den schottischen Orkney-Inseln und war dem Stoff wohl nahe, als er auf einen eigenen Text eine fesselnde Kammer­oper daraus machte.

Intendant Johannes Reitmeier hat das beklemmend tiefgründige Werk vor Jahren inszeniert und es nun an die Regisseurin Kai Anne Schuhmacher weitergereicht für eine Aufführung am Tiroler Landestheater. Man stand vergangenes Frühjahr vor der Premiere, als Corona-bedingt die Bühnenvorhänge fielen. Freitagabend konnte Reitmeier mit bewegten Worten und Davies’ „Der Leuchtturm“ in den Kammerspielen die neue Saiso­n eröffnen.

Endzeit-Bühnenbild von Michael D.

Sandy, Blazes und Arthur bedienen seit Monaten den Leuchtturm, überfällig für die Ablöse und ein helleres Leben. Als das Versorgungsschiff anlegt, ist alles weitgehend in Ordnung, aber die Männer fehlen. Die drei Offiziere müssen vor Gericht von dem unerklärlichen Vorfall berichten. Dann im Endzeit-Bühnenbild von Michael D. Zimmermann die Rückblende in das beklemmende Dasein der Leuchtturmwärter. Unheil in Gestalt schwarzer Möwen kreist um die beengte Behausung, spiegelt die Unruhe der Männer, die zunehmend auf sich selbst zurückgeworfen sind. Ausgeliefert den Naturgewalten, der Isolation, der Mangelernährung, einander und ihrem Ich, das erbarmungslos aus dem Unterbewussten hochkriecht.

Die Vergangenheit holt sie mit Visionen ein, im dichten Nebel werden Wahn und Wirklichkeit eins. Sie sind eingeschlossen in der Weite des stürmisch aufbegehrenden Meeres, das ihre Seelenangst abbildet. Mit Kartenspiel, Gebet und Liedern versuchen sich der Mörder, der Frömmler und der gefährlich Liebend­e vergeblich zu beruhigen.

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An jedem Pult exzellentes Format

Davies’ Musik spiegelt mit eindringlichster Wirkung die mystische Stimmung und seelischen Nöte, die Nebel und Stürme, reale Momente. Expressionistisch, hart und erbarmungslos, aber auch sanft und volkstümlich in den Liedern. Tommaso Turchetta führt das Tiroler Ensemble für Neue Musik sicher durch die Klippen, und das Orchester in der kleinen Besetzung zeigt an jedem Pult exzellentes Format. Den drei meisterhaften Sängerdarstellern wird als Leuchtturmwärter wie auch als Offiziere ebenso Großes abverlangt. Florian Sterns Tenor leuchtet als Sandy geradezu auf, Dale Albrights Intensität häutet Blazes Aggressio­n und Verzweiflung, Johannes Maria Wimmers Arthur verhärtet sich mit weichem Bass in fehlgeleiteter Priesterpose.

Kai Anne Schuhmacher lässt der Geschichte ihre Ausstrahlung und Tiefenwirkung, stülpt nichts mehr darüber, inszeniert kenntlich und atmosphärisch. Ganz nahe an der Musik, was zwangsläufig zu mitunter fast etwas zu viel Realismus führt. Begeisterung im Publikum.


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