„Le jeune Ahmed“: Das traurige Gesicht des Fanatismus

In „Le jeune Ahmed“ erzählen Luc und Jean-Pierre Dardenne von einem Jugendlichen, der sich bis zur Selbstaufgabe dem radikalen Islam zuwendet.

Der 13-jährige Schüler Ahmed (hervorragend gespielt von Idir Ben Addi) ist in den Bann eines Hass-Predigers geraten.
© Stadtkino

Von Markus Schramek

Innsbruck – Ahmed ist erst 13, doch nach eigener Überzeugung ist er „kein Kind mehr“. Der Bub mit dem traurigen, teilnahmslosen Gesicht und der unsicheren Körperhaltung (sensationell authentisch gespielt von Newcomer Idir Ben Addi) ist in die Fänge eines islamischen Hass-Predigers in Belgien geraten.

Wie es dazu kam, darüber können Filmfreunde bei „Le jeune Ahmed“ nur spekulieren. Spielt die Abwesenheit des Vaters eine Rolle? Das Brüderpaar Luc und Jean-Pierre Dardenne liefert jedenfalls keine schlüssige Antwort. Die beiden Regisseure gewannen mit „Le jeune Ahmed“ 2019 in Cannes aber auch so den Preis für die beste Regie.

Die emotionalen Turbulenzen, die ein derart fehlgeleiteter junger Mensch erfährt, werden durch den lebhaften Einsatz einer Handkamera simuliert. Da geht es rund wie in Ahmeds verwirrtem Kopf.

📽️ Video | „Le jeune Ahmed“

Sich von seiner langjährigen Lehrerin Inès (Myriem Akheddiou) in gewohnter Weise zu verabschieden, geht für den religiösen Eiferer mit einem Mal gar nicht mehr: „Ein echter Moslem gibt einer Frau nicht die Hand.“ Reinheit der Lehre und Reinheit des Körpers kennen bei Ahmed keinen Kompromiss. Er schimpft seine alleinerziehende Mutter „eine Säuferin“, weil sie sich abends ein Glas Wein genehmigt. Die ältere Schwester ist nach Ahmeds Dafürhalten zu freizügig gekleidet, der Bruder hat deutlich mehr den Fußball im Kopf als den Islam.

Arabisch mit Hilfe moderner Musik zu erlernen anstatt über die geheiligten Verse des Koran, bringt bei Ahmed das Fass zum Überlaufen. Mit einem Küchenmesser im Gewand sucht er sein Opfer auf, die „ungläubige“ Lehrerin.

In der Besserungsanstalt für Jugendliche stößt Ahmed auf viel Wohlwollen. Er gelobt Besserung, heckt aber bereits den nächsten Attentatsversuch aus. Immer noch ist er wie besessen, ständig trägt er den Gebetsteppich mit sich, um nur ja nicht den Zeitpunkt zu verpassen, mit Allah Zwiesprache zu halten.

Aufkeimende Liebe könnte dem adoleszenten Fanatiker helfen. Doch Annäherungsversuche von Bauerntochter Louise (Victoria Bluck), der Ahmed beim Resozialisierungsprogramm begegnet, verwirren den Burschen: Sie küsst ihn, er drängt sie dazu, zum Islam zu konvertieren.

„Le jeune Ahmed“ ist spannen und aufwühlend. Das Thema Radikalisierung, unter welchem Vorwand eine solche auch immer erfolgt, ist zeitlos und wichtig. Am Ende des 85-Minüters ist die eigene Gedankenwelt in Wallung. Die Regisseure erzählen und schildern, von einfachen Schuldzuweisungen halten sie sich fern. Sie liefern eine Story, wie sie das Leben tatsächlich schreibt. Und das macht betroffen.


Kommentieren


Schlagworte