Peter Fischli im Kunsthaus Bregenz: Dezenter Um-Bau mit blinden Flecken

Das Kunsthaus Bregenz lädt Peter Fischli zur Ausstellung. Keine Retrospektive, sondern ein Neuausloten der alten Konzepte.

Keine Antworten, aber auch keine Fragen mehr? Peter Fischlis Papierarbeiten im dritten KUB-Geschoß entstanden in diesem Sommer.
© Tretter/KUB

Von Barbara Unterthurner

Bregenz – Wo einmal elegantes Schwarz in Beton überging, wird man jetzt mit weißer Aufdringlichkeit empfangen. Wer aktuell das Kunsthaus Bregenz (KUB) und damit die neue Ausstellung des Schweizer Künstlers Peter Fischli betritt, dem wird die Monumentalität der Architektur und Einrichtung noch mal eingebläut: Ein 12 Meter langer, normalerweise schwarzer Tresen begrüßt das Publikum. Heute ist es ein gefühlt zwanzig Meter langer, weißer Kubus, der niemanden mehr empfangen darf (die Kassa wurde ins Untergeschoß verbannt). Auch die nüchternen Lampen, die KUB-Architekt Peter Zumthor für seinen Vorzeigebau ausgewählt hat, hängen jetzt wie prächtige Klötze von der Decke. Kleine Kunstgriffe für ein großes Unterfangen: Peter Fischli provoziert eine Umkehr von Hierarchien, aus dem Hochwertigen wird das Belanglose – aus dem seltenen Vogelaugenahorn Pressspan. Für den 68-Jährigen ein humorvoller „Um-Bau“.

Das Auflösen von Systemen, das Hinterfragen von Funktionen betreibt Peter Fischli, bis 2012 an der Seite von David Weiss, bis zum Exzess. Ihre Arbeit „Der Lauf der Dinge“ (1987), das Zelebrieren einer nicht enden wollenden Kettenreaktion, dem Leben eben, gehört heute zu den ikonischen Werken der Gegenwartskunst. Ebenso ihre „Wurstserie“ sprühte vor Ironie.

Der Humor ist auch in der neuen Ausstellung – keine Retrospektive (!) – noch da; etwa in den Drucksorten, die überall im Haus aufliegen. Auf einer Postkarte mit dem Schriftzug „Bregenz“ hat sich eine verpixelte Ansicht des Guggenheim Bilbao verirrt, das Mega-Prospekt mit Actionaufnahmen aus der ganzen Welt macht den dahergewünschten Bilbaoeffekt für Bregenz aber schon wieder zunichte.

Die großspurigen Aufnahmen der GoPros (auf Helmen befestigte Kameras, die Stunts mitfilmen) haben es Fischli angetan. Er holt sie sich aus dem Internet und collagiert sie im Erdgeschoß zu einem tosenden, bildgewaltigen neuen Video. Ja, der Lauf der Dinge hat sich verändert.

Einen zweiten Blick fordert Fischli auch mit der 2017–19 entstandenen Serie der „Cans, Bags & Boxes“ ein, die er im ersten Obergeschoß aufgebaut hat. Dosen, die keine Dosen sind, stehen auf Sockeln, die keine Sockel sind. Fischli stellt die Attrappe ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit und legt damit die Authentizität auf die Waagschale. Jedes Objekt hat ein Spektrum an Funktionen: Der Sockel erhebt, kann aber auch zum Gefäß werden. Ist das Objekt deshalb immer noch Kunstwerk? Oder gerade deshalb? Nichts ist sicher.

Bis zum Ende durchdekliniert wird das Porträt eines Affen, das Fischli als Kind gemalt hat und das als Malerei im zweiten Stock hängt. Um sie gesellen sich 24 Variationen ein und desselben Tieres, in Bauschaum gegossen. Dagegen gehen die kleinformatigen Collagen, in denen Fischli ein nächtliches Zürich mit Schaum beklebt, fast unter.

Den offenen Schluss der Ausstellung begeht man im letzten Stockwerk, dort trifft man auf Wolken, vielleicht leere Sprechblasen. Irgendwie assoziiert man damit Fischli/Weiss’ Beitrag zur Biennale 2003, der den Goldenen Löwen holte. Unzählige Fragen flogen damals durch den Hauptpavillon. Im KUB bleiben die Fragen aus, auch Antworten gibt es keine. Es bleiben blinde Flecken. Beim Neuausloten der alten Konzepte vermisst man bei Fischli eine gewisse Dringlichkeit. Und der Um-Bau gerät dezent, nicht radikal.


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