Tirolerin wegen Mordversuchs angeklagt: „Sie bleibt auch künftig gefährlich“

Wegen Mordversuchs am Freund der Mutter war eine 23-Jährige angeklagt. Die Geschworenen sahen den Fall aber differenzierter.

Die 23-Jährige zwischen Anklage und Verteidigung (l).
© Vanessa Rachlé

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Es waren die Lebensumstände, die eine 23-Jährige in eine Anklage wegen Mordversuchs schlittern ließen. Am ersten April hatte die Innsbruckerin auf den Lebensgefährten ihrer verstorbenen Mutter mit einem seiner Küchenmesser eingestochen. Zuvor war die mit über zwei Promille Alkoholisierte gerade mit dem einzigen Menschen in Streit geraten, der sie vor weiterer Obdachlosigkeit bewahren wollte.

Zu viel der Alkoholisierung für den Innsbrucker: „Du kannst wiederkommen, wenn du nüchtern bist!“, soll er am Tattag gerufen haben. In ihrem Zustand packte die 23-Jährige auch noch gefühlt Drohungen in diese Aufforderung. Schließlich wollte die Berauschte sogar geglaubt haben, dass ihr guter Bekannter seinen Labrador auf sie hetzen könnte. Dann der Griff zum Messer. Anstatt wegzugehen näherte sich der Mann noch und griff nach der Klinge. Blut und ein Stich in den Brustraum. Das Nachtatverhalten war dann aber nicht das einer kaltblütigen Mörderin: „Die war total erschrocken. Ich sah es an ihren Augen!“, so das Opfer gestern zu den Geschworenen. Nach dem Stich habe die 23-Jährige das Messer weggeworfen, war aus dem Haus gelaufen und hatte die Polizei informiert.

Widersprüchliche Aussagen während des Verfahrens erklärte Verteidigerin RA Eva Kathrein mit dem Lebensweg ihrer Mandantin: Vater unbekannt, mit 16 Jahren ausgezogen, erstes Kind mit 17 Jahren, Kindesabnahme aller zwei Kinder, Wodka-Abhängigkeit, Drogenkonsum von Marihuana bis LSD, Obdachlosigkeit als junge Frau. „Bewerten Sie das. Meine Mandantin sitzt mit dieser Lebensgeschichte nun eben hier nicht zitternd und weinend da!“, so Kathrein.

Statt nur Mordversuch zu prüfen, setzte sich der Schwurgerichtshof darauf mit etlichen Delikten auseinander – bis hin zur Frage irrtümlich angenommener Notwehr. Dazu war über eine Anstaltseinweisung zu entscheiden, da der Psychi­ater aufgrund kombinierter Persönlichkeitsstörung „bleibende Gefährlichkeit“ attestierte. In diese Richtung urteilten auch die Geschworenen. Dazu befanden sie aber statt Mordversuch auf absichtlich schwere Körperverletzung und verhängten zur Therapie nicht rechtskräftig vier Jahre Haft.

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