8. Kunstmesse „Parallel Vienna“: Plauschen am iPad

Als ein „Symbol der Hoffnung“ startet am Dienstag die achte Ausgabe der „Parallel Vienna“: Auf den acht Stockwerken des Alten Gewerbehauses nahe dem Stadtpark präsentiert sich bis zum 27. September ein bunter Mix aus Kunstmesse, Ausstellung und Atelier. Für Stefan Bidner, den künstlerische Direktor, war die Realisierung in Coronazeiten „ein Kraftakt, es hat aber viel Spaß gemacht“, wie er am Montag auf der Dachterrasse des leer stehenden WKO-Gebäudes verriet.

Dieser Spaß ist der heurigen Ausgabe deutlich anzusehen: Weniger verwinkelt als das überdimensionale Bürogebäude in der Lassallestraße im Vorjahr präsentiert sich das Gewerbehaus, auf dessen „Superman-Logo-Grundriss“ Bidner mit einem Augenzwinkern verwies. Links und rechts vom Stiegenhaus - das übrigens mit einem Leitsystem für einen geordneten Besucherstrom sorgt - entfalten sich die Gebäudeflügel, deren kleinere und größer Büroräume von rund 40 Galerien, 50 Offspaces, einem Dutzend Kunstklassen sowie zahlreichen einzelnen Künstlern bevölkert werden. Insgesamt tummeln sich 130 Aussteller auf 4.200 Quadratmetern.

Auch wenn man den reservierten Timeslot von dreieinhalb Stunden voll ausnützt - 300 Personen sind laut Coronabestimmungen jeweils zugelassen - ist es ein Ding der Unmöglichkeit, alles zu entdecken. Und so lässt man sich am besten von oben nach unten spülen: Nach einem Kaffee im achten Stock über den Dächern Wiens geht es hinunter in den siebenten Stock, wo man sogleich in den Raum der Klasse Transmediale Kunst von Brigitte Kowanz der Universität für angewandte Kunst stolpert. Magisch angezogen von einem diffusen Geräusch, das bei näherer Betrachtung aus zwei mit einem Ventilator und zwei Schläuchen betriebenen Orgelpfeifen kommt. Die Installation von Aaron Amar Bhamra soll „zeitliche und räumliche Überlagerungen“ aufzeigen, wie es im Begleittext heißt. Schräg gegenüber haben die Studierenden der Klasse Malerei & Grafik der Kunstuniversität Linz ihre Ausstellung aufgebaut: Während sich Dimitrios Vellis in seinen abstrakten Gemälden mit der Suche nach den Orten, an denen er bisher gewohnt hat, auseinandersetzt, rückt sein Kollege Edgar Lessig die Flüchtigkeit der bisherigen „Parallel“-Ausgaben in Abbruchhäusern ins Zentrum, indem er sich mit dort zurückgelassenen Stickern auseinandersetzt. Seine Arbeit nennt er - nomen est omen - „Tear down“ („niederreißen“).

Ist man nach diesen ersten Eindrücken noch nicht auf den Geschmack gekommen, bietet sich ein Besuch bei Ina Loitzl im sechsten Stockwerk an: Die Künstlerin widmet sich hier ausschließlich dem Thema Zunge zwischen Erotik, Sprache und Tabu. Im Zentrum steht eine überdimensionale Lederzunge mit applizierten Geschmacksnerven, an den Wänden hängen grafische Arbeiten - Zeichnungen, Collagen - in denen sie sich ebenfalls dem Geschmacks- und Sprachorgan widmet. „Zungenküsse sind ja viel intimer als der Geschlechtsakt an sich“, lacht die Künstlerin im APA-Gespräch und erhofft sich eine tiefergehende Auseinandersetzung des Publikums mit der so oft versteckten Zunge, die gerade in Coronazeiten als „Bazillen-Träger“ desavouiert werde. Auf einen Plausch der etwas anderen Art kann man sich in Raum 6.14 einlassen, wo man zunächst von einer lebensgroßen, bekleideten Holzpuppe mit iPad-Gesicht begrüßt wird. Ein wenig spooky ist es dann schon, wenn man im sonst leeren Raum von dem Künstler Alfredo Barsuglia angesprochen wird, der künftig von seiner Couch aus via Skype mit den Besuchern plaudern wird. Für die Presseführung saß er jedoch unten im Foyer und entpuppte sich als charmanter virtueller Gesprächspartner.

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Wer noch ein wenig Platz in seiner Wohnung hat und seinem Besuch ein originelles Gästezimmer bieten will, findet im fünften Stock einen begehbaren „Shrine for the unknown houseghost“ der Künstlerin Violetta Ehnsperg. Das reich verzierte Holzkonstrukt, das mit Schaffellen ausgelegt ist, lädt zwar zum Verweilen ein, doch lockt bereits der Duft des Innsbrucker Off Spaces „The Soap Room“ im vierten Stock, der die feministischen Arbeiten der tschechischen Künstlerin Misa Marek ins Licht rückt: Fotocollagen mit weiblichen Geschlechtsorganen und Mündern, eine liegende Modepuppe mit abgespreizten Strumpfhosen oder eine Fotoserie von nicht so spannenden Ausblicken in trauten Heimen verhandelt unter anderem die Abnabelung von den Eltern oder die Positionierung in Beziehungen.

Einer Ablehnung geschuldet ist jenes Werk, das der Künstler Roland Puschitz im Eingangsbereich seines Büroraums im dritten Stock aufgestellt hat: Eine alte Schaufensterpuppe verfügt über ein eingebautes Licht-Herz, das in unterschiedlicher Intensität schlagen kann. Direkt gegenüber findet sich mit „Traumfänger“ eine alles andere als heimelige Kinderwiege, mit einem in der Mitte ausgebrannten Kreuz und drapierten Militärstiefeln verhandelt der Künstler die Brutalität des Krieges. Zahlreiche Gäste aus den Bundesländern finden sich mit Vertretern aus Salzburg, Oberösterreich und Niederösterreich im zweiten Stock, während die Künstlerin Simone Carneiro ein Stockwerk tiefer jene Skulpturen aus dem 3-D-Drucker präsentiert, die ein Algorithmus auf Basis von Google-Suchanfragen (etwa „what if we were all the same?“) generiert hat. Hat man es bis hierher geschafft, ist es nur mehr ein Katzensprung ins Erdgeschoß, wo den Besucher unter anderem eine Filmprojektion von Hermann Nitschs „6-Tage-Spiel“ aus dem Jahr 1998, eine duftende Bäckerei mit elektrisch geheizten Steinplatten (VENT gallery) und die „Skulptureninsel“ empfangen, auf der sich allerlei vom Brecheisen bis zur Mülltonne als Kunstwerke wiederfinden. Die alternative Kunstmesse findet auch dieses Jahr parallel zur Viennacontemporary statt, die ihre Tore heure von 24. bis 27. September in der Marx-Halle öffnet.

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