Kunden zu Geldgebern machen: Tiroler Gründer nützen Schwarmfinanzierung

Tiroler Gründer und Unternehmer waren zuletzt bei der Schwarmfinanzierung überaus erfolgreich. Das Konzept wird durch Corona an Bedeutung gewinnen, sagt ein Experte.

Symbolbild.
© AndreyPopov

Von Beate Troger

Innsbruck – Am Anfang stand die Idee. Schlicht-moderne Businessmode aus Merinowolle und einer Hightech-Faser. Doch noch vor der Umsetzung seiner Geschäftsidee stand der Innsbrucker Markus Hörtnagl vor einer nahezu unbezwingbaren Hürde. Er brauchte Geld. Eine klassische Kreditfinanzierung kam jedoch nicht zustande. „Die Bank wollte Sicherheiten“, spricht er Klartext. Das Eigenheim reichte dafür nicht.

Crowdinvesting bedeutet für uns ganz neue Wege der Kundenbindung.
Othmar Michaeler (CEO Falkensteiner Michaeler Tourism Group)

Also setzte Hörtnagl auf die finanzielle Unterstützung von potenziellen Kunden. Nach monatelangem Tüfteln an den Prototypen wurden heuer im August auf der internationalen Plattform Kickstarter die ersten Modelle vier Wochen lang zum Verkauf angeboten.

Der Erfolg gibt Hörtnagl und seiner Idee Recht. 39.385 Euro sammelte er von 295 Unterstützern ein. Mit dieser Summe kann er jetzt den Produktionsstart realisieren.

Mit Businessmode aus einem Merinowolle-Mix ...
© BaronMerino

„Beim Crowdfunding erwirbt der Kunde im Grunde einen Gutschein für ein Produkt oder ein Projekt, das meist noch nicht am Markt ist“, erklärt Ralf Beck, Buchautor und einer der renommiertesten Experten Deutschlands im Bereich diverser Schwarmfinanzierungsmodelle.

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Während für Jungunternehmer im Technologie- und Wissenschaftsbereich zahlreiche staatliche Förderungen bereitstehen, hätten es Gründer in anderen Branchen ungleich schwerer. „Zielgruppe sind meist bestehende Kunden, Fans von Künstlern, aber auch Familienmitglieder und Freunde, die mit eher geringeren Beträgen meist zwischen 50 und 100 Euro die Idee unterstützen und dafür das Produkt erhalten“, sagt Beck.

... und Zirbenholz-Sandalen erzielten Tiroler Unternehmer gute Crowdfunding-Erfolge.
© Zirbit

Mit Tommy Maehr hat erst kürzlich auch ein zweiter Tiroler mit Crowdfunding ein „äußerst respektables Ergebnis“ erzielt, wie Finanzprofi Beck betont. Maehr, dessen Unternehmen Zirbit Yogamatten mit Zirbenholz-Oberfläche produziert, wagte sich mit FlipFlops derselben Machart auf den Markt. 109 Unterstützer haben über den Sommer 17.849 Euro zur Realisierung der Idee beigetragen.

Maehr hat gerade diese Woche die ersten Paare ausgeliefert. „Crowdfunding war der perfekte Weg, um die Marktchancen für das neue Produkt zu testen“, zieht er Bilanz, „aber es ist kein Selbstläufer.“

Der Aufwand, die Kampagne zu gestalten, dürfe nicht unterschätzt werden, sagt er. Er konnte außerdem bereits auf bestehende Kunden und Partner setzen und investierte auch in eigene Werbung und Marketing über Social Media: „Mir war wichtig, dass sich das Projekt so selbst finanziert.“

Über die Bank hätte die Realisierung nicht funktioniert.
Markus Hörtnagl, Innsbruck (Gründer BaronMerino)

Bei Crowdinvesting handelt es sich um ein komplexeres Finanzierungsmodell, auf das vor allem etablierte Unternehmen setzen, die auf diese Weise größere Summen Kapital in Höhe von mehreren hunderttausend Euro lukrieren. „Der Geldgeber bekommt für sein Investment Zinsen ausgezahlt, die gesamte Finanzierung unterliegt der Finanzmarktaufsicht“, erläutert Experte Beck.

Die Südtiroler Hotelgruppe Falkensteiner setzt für ihre Expansion seit 2018 auf Crowd­investing als zweites Standbein, wenn frisches Kapital benötigt wird. Mehr als 13,2 Millionen Euro von Tausenden Geldgebern hat das Familienunternehmen im Vorjahr bei einer einzigen Kampagne eingesammelt, das ist Europa-Rekord. Über den Finanzierungspartner Finnest bot Falkensteiner Zinsen in Höhe von vier Prozent, „eine Summe, die man heute auf dem Sparbuch nicht mehr bekommt“, sagt Falkensteiner-CEO Othmar Michaeler. Rund 70 Prozent der Anleger wählten die Variante, sich ihre Zinsen in Form von Hotelgutscheinen auszahlen zu lassen. Sie erhielten dafür einen Bonus von 50 Prozent und erzielten somit sogar sechs Prozent Rendite. Laut Michaeler konnte die Hotelgruppe damit „ganz neue Wege der Kundenbindung“ beschreiten.

Schwarmfinanzierungsprofi Ralf Beck geht davon aus, dass beide Modelle künftig an Bedeutung gewinnen werden. „Die Corona-Krise hat vielen Unternehmen zugesetzt und macht alternative Formen der Finanzierung attraktiver“, sagt Beck, der auch selbst eine Crowdinvesting-Plattform betreibt. „Die Zahl der Anfragen ist rasant gestiegen“, berichtet er. Dennoch blieb die Zahl der realistisch finanzierbaren Projekte in den vergangenen Monaten vorerst noch konstant.

🔎 Die zwei Formen der Schwarmfinanzierung

Beide Modelle der alternativen Finanzierung basieren auf dem Konzept der Partizipation.

Crowdfunding: Das Modell hat eher Spenden-Charakter und wird oft wie ein Gutschein-Verkauf abgewickelt. Die Unterstützer bekommen für ihren Beitrag das fertige Produkt, dessen Markteintritt oder Herstellung so finanziert wird. Große und international tätige Plattformen wie Kickstarter oder Startnext wickeln die Kampagnen ab. Wird das Finanzierungsziel nicht erreicht, müssen die Beiträge zurückgezahlt werden.

Crowdinvesting ist eine Form der Geldanlage, die einer Anleihe ähnelt. Trotz geringem Risiko wird eine verhältnismäßig hohe Rendite in Aussicht gestellt. Projekte über einem Volumen von 100.000 Euro unterliegen der Prospektpflicht. Die Finanzmarktaufsicht überwacht die Aktivitäten der professionellen Plattformen wie Dagobertinvest, Home Rocket oder Conda. In den vergangenen Jahren hat Crowdinvesting vor allem am Immobilienmarkt an Bedeutung gewonnen. In Österreich wurden 2019 ingesamt 67 Mio. Euro auf diese Art lukriert.


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