Bettina von Zwehl: Unverdünnte Konzentrate der puren Wirklichkeit

Die Fotokünstlerin Bettina von Zwehl hat im Ausstellungsraum der Innsbrucker BTV ihre sehr private „Wunderkammer“ eingerichtet.

Bettina von Zwehl: Ausschnitt aus „Sari (Lampropoeltis Triangulum Nelsoni)“, 2016, C-print
© Bettina von Zwehl

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Der Name des Kulturprogramms der BTV „INN SITU“ ist programmatisch, soll doch alles, was in dessen Rahmen stattfindet, auf irgendeine Weise mit dem Spielort zu tun haben. Wobei diesbezüglich der Fantasie der eingeladenen Künstler kaum Grenzen gesetzt sind, was diesen Kunstort immer wieder überraschend neu macht. Wobei seine aktuelle Bespielung durch Bettina von Zwehl kaum kontroverser zur fotografischen „Verwerfung“ der beiden Spanier Carlos Spottorno und Guillermo Abril davor sein könnte, die die Brennergrenze als Graphic Novel erfrischend neu vermessen haben.

Die 49-jährige, in London lebende Münchnerin Bettina von Zwehl verwandelt den Ausstellungsraum dagegen in eine „Wunderkammer“. Inspiriert durch die von Erzherzog Ferdinand II. in Schloss Ambras, bestückt mit Objekten, die sie einfach nur schön findet bzw. die ihr fremd, unheimlich oder auch ganz nah sind. Wie das Bild ihrer Tochter, die sie mit einer lebenden Schlange um den Hals posieren ließ. Ganz bewusst spielend mit emotionalen Ambivalenzen, serviert als „unverdünntes Konzentrat“, wie die Künstlerin sagt. Deren zentrales Medium zwar die Fotografie ist, inszeniert allerdings in mit assoziativen Versatzstücken ausgestatteten Settings.

Viele der Arbeiten haben ihre Wurzeln in einem Workshop mit einer Klasse der Innsbrucker Grafik-HTL. Das Produkt sind in Bettina von Zwehls Londoner Atelier ausgearbeitete Porträts der Schülerinnen, die alles andere als üblich sind. Weil gespickt mit den unterschiedlichsten kunsthistorischen Verweisen, die wiederum mit der Ambrase­r Wunderkammer zu tun haben. Wie ein „Lover’s Eye“ in Ringform, das hier allerdings nicht wie ehemals fein auf Elfenbein gemalt, sondern „nur“ fotografiert ist.

Die Porträts der Schülerinnen kommen oft wie Schattenrisse daher. Meist reduziert zum Profil und wandfüllend aufgeblasen oder komprimiert zur Miniatur. Das abbildhaft Perfekte wird allerdings „gestört“ durch dekorativ die Bildfläche durchpflügende Cutouts, durch Risse oder Knick­e. Unschwer zu lesen als Verweise auf die Brüchigkeit des menschlichen Seins. Etwa der 50-teilige Fries eines mehr oder weniger beschädigten Mädchenporträts. Ob jeder der Ausstellungsbesucher den Link zur Couch der Psycho­analytikerin Anna Freud nebenan zu lesen imstande ist, sei allerdings dahingestellt. Genauso wie die zur schwarzen Struktur reduzierten Fotos politischer Aktivistinnen in New York. Aber gerade hier zeigt sich, dass Bettina von Zwehls Kunst eine zutiefst politisch aufgeladene, ganz im Heute verwurzelte ist. Um zu erahnen, dass eine sanfte Blauäugige den Besucher nicht nur deshalb so herausfordernd frontal anblickt, weil die Farb­e ihrer Augen so wunderbar zu jener der Arzneifläschchen daneben passt.

Aufgrund der aktuellen Corona-Situation mussten die heutige Ausstellungseröffnung genauso wie die für heute und morgen geplanten Konzerte und die Dialogveranstaltung am Freitag gecancelt werden.

BTV Stadtforum Innsbruck. Gilmstraße; bis 23. Jänner, Mo–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–15 Uhr.


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