„Yalda – Nacht der Vergebung“: Todernstes Fernsehspiel

„Yalda – Nacht der Vergebung“ ist eine Farce über eine iranische TV-Show.

Maryam (Sadaf Asgari) soll publikumswirksam bereuen.
© Filmladen

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – 30 Millionen Zuschauer sitzen vor ihren Fernsehern bei „Freude der Vergebung“. Zumindest behauptet das der Regisseur der iranischen Fernsehsendung. Diese Sendung steht im Mittelpunkt von Massoud Bakhshis Film „Yalda – Nacht der Vergebung“. Darin soll ein Sträfling vor laufender Kamera Reue zeigen. Diesmal ist die junge Maryam dran. Ohne Vergebung droht ihr die Todesstrafe wegen Totschlags an ihrem Mann. Einsatz und Gewinn sind also ebenso hoch wie die Einschaltquoten im makaberen Spiel dieser Talkshow.

Leider ist das familiäre Set-up des verhandelten Kriminalfalls etwas verwirrend angelegt. Maryam (Sadaf Asgari) ist eine Ehe auf Zeit mit ihrem reichen, 42 Jahre älteren Chef eingegangen. Diese iranisch-islamische Besonderheit wurde bereits in der österreichischen Doku „Im Bazar der Geschlechter“ von Sudabeh Morterzai erklärt, als eine Art religiös legitimierte Form für Kurzzeit-Beziehungen oder für Prostitution.

📽️ Video | „Yalda – Nacht der Vergebung“:

Maryams Zeitehe und der Unfall, der zum Tod ihres Kurzzeit-Mannes führte, erklärt der Film erst nach und nach. Mona, die erwachsene Tochter des Opfers, nimmt nur widerwillig am todernsten Vergebungs-Fernsehspiel teil. Ob sie der jungen Maryam am Ende tatsächlich vergeben wird, bildet den Spannungsbogen dieses von einer echten TV-Sendung inspirierten Kammerspiels.

Autor Massoud Bakhshis verlegt die Geschichte seines zweiten Films vom Gerichtssaal ins Studio. Die europäische Produktion wurde 2019 im Iran und vor dem Lockdown bei der Berlinale 2020 präsentiert, wo zeitgleich das iranische Gefängnis-Drama „There is No Evil“ den Goldenen Bären gewann.

„Yalda“ inszeniert sein Drama großteils hinter den Studio-Kulissen. Vor der Kamera wechseln sich Talkshow-Momente, die wie eine religiöse Variante von Oprah Winfrey inszeniert sind, mit Gesangseinlagen und einer Gedicht-Rezitation ab. Es ist nämlich das Fest der längsten Nacht des Jahres, die dem Film seinen Namen gibt. So ist „Yalda“ auch weniger ein Thriller als eine Farce und Satire des moralisierenden Kommerz-Fernsehens.

Das Urteil im Fall wurde schon gesprochen. Jetzt geht es um Vergebung, nach iranischem Recht, das dem Opfer strafrechtliche Mitsprache zubilligt, samt Blutgeld, das statt der Rache fließt.

Doch Maryam macht nur widerwillig mit bei diesem absurden Gerechtigkeitsspiel. Zu Beginn wartet sie nervös im Regieraum hinter den Kulissen. Doch die junge Frau wurde, wie schon bei ihrer Ehe, von ihrer Mutter gedrängt. Zum Regisseur sagt sie nun „Ich wäre gern gefragt worden“ und „Ich möchte selber sprechen“.

„Yalda“ erzählt im Grunde die Geschichte mehrerer Frauen. TV-Regisseur und Moderator sind aber Männer. Das ist auch ein Spiegelbild des islamistischen Iran.

„Yalda – Nacht der Vergebung“ ist ab dieser Woche im Kino.


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