„Persischstunden“: Unauslöschliche Erinnerung an die Namen der Opfer

Vadim Perelmans Drama „Persischstunden“ ist Kino, das nahegeht: eine fesselnde Story vor dem Hintergrund des Nazi-Terrors, gespielt von exzellenten Darstellern.

Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) lebt im Lager in ständiger Angst vor SS-Offizier Klaus Koch (Lars Eidinger).
© Alamodefilm

Von Markus Schramek

Innsbruck – Pfuh! Nach diesen fast zweieinhalb Filmstunden braucht man ein Weilchen, um herunterzukommen. In „Persischstunden“ schält Regisseur Vadim Perelman eine Wahnsinns-Story aus einem Kern wahrer Begebenheiten heraus.

Jude Gilles rettet im Kriegsjahr 1942 sein Leben, indem er sich gegenüber seinen Nazi-Häschern als persischstämmig ausgibt. Gilles landet vor SS-Offizier Klaus Koch in einem Durchgangslager. Koch, er war im zivilen Beruf tatsächlich Küchenchef, organisiert im Lager die Verpflegung. Er will Persisch (Farsi) lernen, plant er doch schon für die Zeit nach dem Krieg: Koch möchte in Teheran, wo er seinen Bruder vermutet, ein Restaurant eröffnen. Ein Persisch-Grundvokabular für den Iran soll also her.

Gilles spricht aber kein Wort Persisch, er ist durch und durch Belgier. Ein Büchlein über die Mythen Persiens, das Gilles auf dem Tauschweg von einem Mitgefangenen erhalten hat, dient ihm als Nachweis persischer Herkunft. Gilles nennt sich nun Reza. Einer Person dieses Namens ist das lebensrettende Buch gewidmet.

📽️ Trailer | „Persischstunden“

Jetzt geht es ans Vokabelbüffeln. Gilles erfindet Wörter und tischt dem lernwilligen SS-Bonzen diese als Persisch auf. Der Gefangene muss darauf achten, die von ihm erdachten Begriffe stets denselben deutschen „Entsprechungen“ zuzuordnen. Sonst würde der Schwindel auffliegen.

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Gilles verfügt über eine gut lesbare Handschrift. Koch beauftragt ihn daher, die Namen der Lagerinsassen in Listen zu erfassen. Während Gilles dieser makabren Aufgabe nachkommt, fügt er Silben der jüdischen Namen zu neuen Phantasiewörtern zusammen, die er Koch dann als vermeintliches Persisch beibringt. Nach etlichen Lektionen können sich Gilles und Koch in einer Kunstsprache, die nur für sie beide Sinn ergibt, flüssig unterhalten.

Als die Alliierten das Lager befreien, sind die Nazi-Befehlshaber geflohen, die Listen mit den Namen ihrer Opfer haben sie verbrannt. Doch Gilles kennt die Namen, und er beginnt damit, sie aufzuzählen.

Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und somit auch eine des Filmgeschäfts, die Gräuel des Nazi-Regimes nie in Vergessenheit geraten zu lassen. Angst, Gewalt und Entsetzen sind in „Persischstunden“ im Hintergrund auch stets spürbar. Regisseur Perelman verzichtet jedoch auf allzu plakative Brutalität. Stattdessen rückt er den Fokus auf Gilles – als dem Gedächtnis, das eine völlig entmenschlichte Barbarei der Nachwelt überliefert.

Lars Eidinger (in der Rolle von SS-Offizier Klaus Koch) und Nahuel Pérez Biscayart (Gilles/Reza) liefern als Darsteller eines ungleichen Paares eine fantastische Performance. Hier der SS-Scherge, der Teil einer Tötungsmaschinerie ist und doch vor den Vorgängen im Lager die Augen verschließt („Ich bin kein Mörder“). Ihm gegenüber der unerschrockene Gilles, der Koch den Spiegel vorhält („Aber du sorgst dafür, dass die Mörder gut speisen“).

Ein starker Film, ein wichtiger Film. Auch wenn es hernach mit der inneren Ruhe eine Zeit lang vorbei ist.


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