„Felix Krull“ am Landestheater Niederösterreich

Die Welt will betrogen werden. Was heute allgemeines politisches Credo zu sein scheint, ist das Lebensmotto des jungen Felix Krull. Der Romanheld von Thomas Mann treibt seit Samstag sein charmantes Unwesen in St. Pölten. Felix Hafner brachte die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ mit halbjähriger Corona-bedingter Verspätung auf die Bühne des Landestheaters Niederösterreich. Trotz eines ausgezeichneten Hauptdarstellers wurde es kein wirklich verführerischer Abend.

Ein breiter Tisch, ein paar Accessoires und fantasievolle Kostüme genügen Ausstatterin Anna Sörensen, so unterschiedliche Schauplätze wie eine Kaserne, ein Luxushotel oder einen Thronsaal anzudeuten - die Produktion hätte ursprünglich in der Theaterwerkstatt Premiere haben sollen und wurde nun ins Große Haus verlegt. Tobias Artner bekam als Krull ein schwarzglitzerndes Artisten-Trikot verpasst. „Vielleicht bist du mit einer Glückshaut geboren?“, wird im Verlauf des Abends gemutmaßt. Er legt vor allem stupende charakterliche Wendigkeit an den Tag: Anpassungsfähig bis zur Unsichtbarkeit, geschmeidig und schmeichlerisch, lässt er nur hören, was seine Mitmenschen hören wollen, lässt er sie nur sehen, was sie sehen wollen. Dazu ein als noble Zurückhaltung getarntes Selbstbewusstsein und fertig ist das menschliche Chamäleon.

Im Gegensatz zu ihm sind Laura Laufenberg, Tilman Rose, Michael Scherff und Nanette Waidmann ständig am Umziehen. Sie bilden das Personal entscheidender Proben seiner Täuschungskunst: Bei der Musterung spielt er erfolgreich einen epileptischen Anfall vor, in einem noblen Pariser Hotel betätigt er sich als Liftboy, Dieb und Verführer, tauscht mit einem jungen Adeligen die Identität und führt danach in Lissabon ein Luxusleben, bis ihn unbeglichene Rechnungen und Scheingeschäfte einholen.

„Der Punkt, an dem der Schein wichtiger wird als das Sein“, sei ihm besonders wichtig, schreibt der junge Regisseur in einem gescheiten Programmheft-Beitrag. Auf der Bühne wirkt dieser Zauber jedoch nur in Maßen. Statt die Illusion von Mehrfachsaltos und Zauberkunst zu wecken, bleibt dieser Verwandlungs-Artist doch meist nur auf dem Bretterboden der Tatsachen. „Is this the real life? Is this just fantasy?“, fragt die Rockgruppe Queen dazu, und spätestens, wenn in der ironischen Schlussapotheose Richard Sandersons Schmuse-Song „Reality“ erklingt, fragt man sich, warum der laut Besetzungszettel für Musik zuständige oberösterreichische Singer/Songwriter Bernhard Eder der Produktion nicht stärker seinen Stempel aufgedrückt hat, sondern eine Nostalgieshow daraus macht.

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Auch sonst verbleibt der 80-minütige Abend, einige wenige Anspielungen auf die „Sebastians“ unter uns ausgenommen, in der historischen Umgebung von Manns Schelmenroman und verzichtet darauf, den Bogen zu heutigen Hochstapeleien zu schlagen, wie es Hafner in seinen konzeptuellen Überlegungen macht: „Wird Felix Krull vielleicht Wirtschaftsboss oder populistischer Politiker? Karriere-Journalist oder Motivational Coach mit TED-Talk?“ Ja, das hätte uns auch interessiert. Die Antwort darauf müssen wir uns selbst geben. Also Augen auf! Die Befürchtung ist: Die Krulls haben sich in den vergangenen Jahren rasend schnell vermehrt. Und sie haben nicht alle ein Glitzersakko an.


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