Viel Pein unter dem Männerjoch: "Das Himmelszelt" am Burgtheater

Burgtheater-Premiere von Lucy Kirkwoods „Das Himmelszelt“ kann nicht überzeugen: verpuffte Frauen-Power und gelangweiltes Publikum.

Schwanger oder doch nicht? Die weibliche Jury befindet über Wohl und Wehe der Mörderin Sally (Marie-Luise Stockinger).
© Marcella Ruiz Cruz

Von Bernadette Lietzow

Wien – Nach drei langen Stunden mit dem Gerichtsdrama „Das Himmelszelt“ der jungen britischen Autorin Lucy Kirkwood drängt sich die Frage auf, wieso es gerade dieses Stück, vorbei an Intendanz und Dramaturgie, auf die Bühne des Burgtheaters geschafft hat. Taugt das im Jänner 2020 in London uraufgeführte Werk, zumindest in der „Wiener“ Version, doch allein dazu, dreizehn Schauspielerinnen in ein inhaltlich ärgerlich blutleeres, dafür mit allerlei „bestialischem“ Zinnober angefülltes Deklamationskorsett zu zwingen.

Versetzt mit Anleihen aus Sidney Lumets Film „Die zwölf Geschworenen“ und bei Arthur Millers Drama „Hexenjagd“ führt Kirkwood ins ländliche England anno 1759: Die junge Sally soll wegen des Mordes an einem adeligen Mädchen gehängt werden, gibt jedoch an, schwanger zu sein. Eine Jury aus zwölf Dorfbewohnerinnen muss ihre Angaben auf den Wahrheitsgehalt überprüfen, wobei sich im Laufe des von der männlich dominierten Rechtsprechung erzwungenen Zwangs-Miteinanders in forscher Plakativität die ganze Bandbreite weiblichen Er-Lebens auftut: Kinder, Küche, Menopause, Vergewaltigung, Teufelsglaube, Bigotterie.

Regisseurin Tina Lanik setzt, gemeinsam mit dem für Bühne und Kostüme verantwortlichen Stefan Hageneier, erst einmal tapfer auf Solides. Das dunkle Zentralgebäude mit den großen Fenstern erlaubt unter häufigem Drehbühneneinsatz nett choreografierte Ein- und Ausblicke, die Kleidung der Darstellerinnen changiert brav im ästhetischen Niemandsland zwischen 18. Jahrhundert und Biedermeier, Jörg Gollaschs Bühnenmusik ist – wieso eigentlich? – sehr präsent.

Wenig weiß Lanik mit den einzelnen weiblichen Charakteren anzufangen, abseits der von Marie-Luise Stockinger mit großer, streckenweise unheimlicher Präsenz ausgestatteten Delinquentin Sally. Die Mitstreiterinnen, selbst Sophie von Kessel, die als kluge Hebamme Elizabeth noch einen dankbareren Part hat, bleiben schemenhaft oder verkommen, kaum erträglich, zu weiblichen Karikaturen.

So wunderbar es ist, ein Ensemble starker Schauspielerinnen zu erleben – man wünschte Barbara Petritsch, Katharina Pichler, Dunja Sowinetz, Sabine Haupt, Alexandra Henkel und ihren Kolleginnen eine aufregendere Spiel-Fläche! Pflichtschuldig applaudierte ein gelangweiltes Premierenpublikum.


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