Raiffeisen: „Lockdown wäre bar jeder Vernunft“

Raiffeisen-Ökonom: Mit Lockdown wurde übers Ziel hinausgeschossen. Ohne „politische Daumenschrauben“ kommt 2021 ein Wachstumsschub.

Raiffeisen-Volkswirt Peter Brezinschek (l.) und Moderator Günther Schimatzek.
© RLB/Günter Kresser

Von Max Strozzi

Innsbruck – Tirol wird heuer mit einem Rückgang von 10 % den stärksten Wirtschaftseinbruch aller Bundesländer erleiden. Das sagte gestern Raiffeisen-Ökonom Peter Brezinschek bei einem Analyse-Gespräch auf Einladung der RLB Tirol. Für 2021 erwartet sich der Volkswirt dafür in Tirol ein überdurchschnittliches Wachstum von 4,3 %. Alles unter der Prämisse, dass die aktuellen Reisewarnungen nicht aufrechtbleiben und die Politik auch sonst „nicht die Daumenschrauben ansetzt. Wenn wieder Lockdown-Maßnahmen kommen, haben wir ein ernsthaftes Problem.“

Schon mit dem Lockdown im Frühjahr sei „übers Ziel hinausgeschossen worden“, so Brezinschek: „Ein zweiter Lockdown wäre bar jeder Vernunft. Es gibt auch keine Gesundheitsversorgung, wenn die Wirtschaft lahmgelegt wird.“ Schließlich müssten die Gelder zur Erhaltung des Systems erwirtschaftet werden. Die Politik dürfe nicht in populistische Maßnahmen abdriften, warnte Brezinschek. Einen zweiten Lockdown wollte Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) nicht ausschließen und schob die Verantwortung dafür nach Wien, das am Sonntag wählt.

Brezinschek verwies auf die Med-Uni Graz, wonach es in der Steiermark im zweiten Quartal um 80 % mehr Herzinfarktopfer gab, da sich im Lockdown viele nicht in die Kliniken getraut hätten. „Diese Nebeneffekte scheinen nirgends auf. Auch immer mehr Ärzte fordern, Corona nicht über alles zu stellen.“

Mit bisherigen Wirtschaftskrisen sei die Corona-Krise nicht vergleichbar. „Diese ist nicht eine Krise des Kapitalismus, sondern eine politisch verordnete Entwicklung, die medizinischen Trends geschuldet wird“, hält sich der Banker mit Kritik nicht zurück: „Es wurden politisch angeordnete Angebotsschocks eingesetzt und nun haben wir eine Entwicklung, die sowohl die produzierende Seite gelähmt als auch die Nachfrage abgewürgt hat.“ Wie es weitergeht, hätten die politischen Entscheidungsträger in der Hand.

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Im ersten Halbjahr verzeichnete Europa den raschesten Wirtschaftseinbruch der letzten 100 Jahre, Europas Wirtschaft brach um 11,8 % ein. Seit Mai und Juni sei eine Erholung feststellbar, die zuletzt aber abflachte.

Für das Jahr 2020 rechnet Brezinschek mit einem Wirtschaftseinbruch in der Eurozone von 8,1 %. 2021 soll ein Wachstum von 4,3 % folgen, 2022 ein Plus von 3 %. „Ab der zweiten Jahreshälfte 2021 erwarten wir einen Wachstumsschub, weil wir davon ausgehen, dass ein Impfstoff verfügbar sein wird, Konjunkturprogramme wirken, die Einbrüche am Arbeitsmarkt verdaut sind und die Investitionen zunehmen.“ Den Vor-Corona-Stand werde man erst 2023 erreichen.

Angesichts einer drohenden Pleitewelle nach Auslaufen der Hilfsprogramme dürfte kommendes Jahr der Anteil der faulen Kredite signifikant steigen. „Davon muss man ausgehen“, so Brezinschek. Zuletzt sei die Quote von 2 % notleidender Kredite zudem sehr gering gewesen. Und auch die Europäische Zentralbank sei derzeit „volle Kanne“ unterwegs und pumpe viel Geld in den Markt. Finanz- und Liquiditätskrisen seien daher so gut wie ausgeschlossen, Unternehmen würden so auch durch die harten Wintermonate kommen. Bedenklich sei aber die Finanzierung des 750-Mrd.-Euro-Programms der EU. Dabei sollte man nicht auf neue Steuern setzen, so Brezinschek. Das würde das Vorhaben, die Produktion nach Europa zurückzuholen, abwürgen.


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