Itay Tiran inszeniert Taboris „Mein Kampf“ an der Burg

Als George Taboris „Mein Kampf“ im April 1987 im Wiener Akademietheater uraufgeführt wurde, war Itay Tiran gerade einmal sieben Jahre alt. 33 Jahre später inszeniert der israelische Schauspieler und Regisseur die Farce des 2007 verstorbenen großen Dramatikers und Theatermachers im Burgtheater. „Ich wünschte, ich wäre Tabori begegnet. Ich hätte so gerne mit ihm gesprochen“, sagt Tiran im Interview mit der APA. Premiere ist am 9. Oktober.

Für Itay Tiran, der vom Stuttgarter Schauspiel ans Burgtheater geholt worden war, ist diese Arbeit der Start in seine zweite Saison in Wien. „Emotional war im vergangenen Jahr wirklich alles dabei“, lacht er. Neben Auftritten als Shylock im Shakespeare-Projekt „This is Venice“ und als Mörder in Maria Lazars „Der Henker“ inszenierte er „Vögel“ von Wajdi Mouawad, eine Inszenierung die von Publikum und Kritik sehr gut angenommen wurde.

„Ich war gerade dabei, mich warmzulaufen und auf Betriebstemperatur zu kommen, da wurden wir mitten im Lauf vom Coronavirus gestoppt“, schildert er die Hochschaubahn der Gefühle, die ihn plötzlich bei seiner Frau in der einsamen Lüneburger Heide abwarf. „Zu Beginn war es sehr romantisch. Ich kam auch viel zum Lesen und Schreiben. Da glaubte ich noch an baldige Normalisierung. Nach zwei, drei Monaten begann ich aber unruhig zu werden.“

Diese Unruhe ist zum Teil auch der schwierigen Lage in Israel geschuldet, das nun bereits in den zweiten Lockdown gegangen ist. Freunde und Verwandte seien zwar soweit gesund, die Kulturszene sei aber schwer getroffen. „Ich kenne viele Kollegen, die jetzt als Auslieferer oder Taxifahrer oder sonst etwas arbeiten, nur um zu überleben.“

Die Tabori-Inszenierung von „Mein Kampf“ wurde auch deshalb legendär, weil der Regisseur damals für Hugo Lindinger selbst in der Rolle des Lobkowitz (der vielleicht Gott, der Herr, persönlich ist, sich jedenfalls aber gerne als solcher behandeln lässt) einsprang. Das Stück seither zum ersten Mal in Wien zu inszenieren, sei „Bürde und Ehre zugleich“, versichert Tiran. „In jedem Fall ist es eine große Herausforderung, der ich versuche standzuhalten.“

Dass er anstelle des intimeren Akademietheaters nun die große Burgtheater-Bühne zu Verfügung habe, komme den expressiven, theatralen Aspekten des Stückes zugute. Sie seien gemeinsam mit dem Humor die wesentlichen Werkzeuge, die Tabori verwendet habe, sich dem großen Trauma des Holocaust zu stellen. „Dieser Humor ist ein wesentlicher Teil der jüdischen Geschichte und mir sehr nahe. Ich habe beim Lesen des Stückes immer wieder die großen jüdischen Comedians vor mir gesehen.“

Die Begegnung des jungen, frisch nach Wien gekommenen Adolf Hitler (gespielt von Marcel Heuperman) mit dem Koch Lobkowitz (Oliver Nägele) und dem Buchhändler Shlomo Herzl (Markus Hering) kam damals mitten in der Zeit der Waldheim-Debatte heraus und polarisierte. Diese mit viel Witz, Liebe und Ambivalenz erzählte Geschichte unter heutigen Verhältnissen auf die Bühne zu bringen, sei aus zwei Gründen besonders wichtig, sagt Itay Tiran: „Die Schwarz-Weiß-Mentalität wird wieder cool. Wir werden Zeugen davon, wie es immer beliebter wird, einfach aus dem Bauch heraus alles zu sagen, ohne Scheu und ohne Nachdenken - auch bei Politikern. Und schließlich bleibt das die bitterste und wichtigste Lehre der Geschichte: Es ist sträflich, die Warnsignale zu ignorieren. Was geschehen ist, kann wieder geschehen!“


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