Chaotische TV-Debatte zwischen Trump und Biden

In der vermutlich chaotischsten TV-Konfrontation der jüngeren US-Geschichte sind US-Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden aufeinandergetroffen. Besonders Trump unterbrach ständig und musste laufend vom Moderator zur Ordnung gerufen werden. Inhaltlich brachte die von Anschuldigungen und Beleidigungen geprägte Debatte nichts Neues, Trump weigerte sich erneut zuzusagen, dass er das Ergebnis der Präsidentschaftswahl unabhängig vom Ausgang anerkennen werde.

Trump malte einmal mehr das Szenario von massiven Betrug bei Briefwahlen und wich der Frage aus, ob er eine Niederlage akzeptieren würde. Der Präsident kündigte an, er werde jeden Ausgang der Wahl akzeptieren. Umfragen zufolge wollen deutlich mehr Anhänger Bidens als Trumps per Post abstimmen. Die verbreitete Briefwahl könnte dazu führen, dass in der Wahlnacht noch kein Sieger feststeht.

Trump weigerte sich auch neuerlich, Rechtsradikale und bewaffnete rechte Gruppen eindeutig zu verurteilen. „Fast alles, was ich sehe, ist vom linken Rand, nicht vom rechten Rand“, sagte er. Auf Drängen von Morderator Chris Wallace sagte Trump schließlich, diese Gruppen sollten sich zurückhalten, distanzierte sich aber nicht direkt von ihnen, sondern griff die linke Gruppierung Antifa an: „Jemand muss etwas gegen Antifa und die Linke tun, weil dies kein Problem des rechten Flügels ist, sondern ein Problem des linken Flügels“.

Begonnen hatte die Debatte mit einem lebhaften Schlagabtausch über die Neubesetzung einer freien Stelle am Obersten Gericht der USA. Trump sagte zu seiner Nominierung der konservativen Richterin Amy Coney Barrett: „Wir haben die Wahl gewonnen und deswegen haben wir das Recht, sie auszuwählen.“ Biden forderte hingegen, mit der Besetzung der Stelle bis Februar 2021 zu warten, „weil wir mitten in einer Wahl sind, die bereits begonnen hat“.

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Beide Kandidaten stritten daraufhin über Themen, die schon bald dem Supreme Court zur Entscheidung vorgelegt werden könnten. Trump warf Biden vor, seine Demokratische Partei strebe eine sozialistische Gesundheitsversicherung an. Mit Blick auf die von Expräsident Barack Obama eingeführte Gesundheitsversorgung sagte Trump: „Obamacare ist eine Katastrophe, das ist zu teuer.“ Biden konterte in der Debatte mit einer Frontalattacke gegen Trump, warf ihm Lügen vor und sagte, Trump sei keine Hilfe für die vielen Menschen, die auf eine bezahlbare Gesundheitsversorgung angewiesen seien.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie warf Biden Trump vor, „keinen Plan“ zu haben. Der Demokrat rief den Präsidenten dazu auf, aus seinem „Bunker“ und von seinem Golfkurs zu kommen und Leben zu retten. Trump entgegnete, China sei Schuld an dem Virus. Wenn man auf Biden gehört hätte, wären die USA „weit offen gewesen“. Er aber habe das Land „geschlossen“ und einen „großartigen Job“ beim Umgang mit der Pandemie gemacht. Wiederholt fiel Trump Biden ins Wort und nannte ihn unter anderem „eine Katastrophe“. Biden warf Trump vor, vollkommen unverantwortlich gewesen zu sein, zu lügen und im Angesicht der Pandemie in „Panik geraten“ zu sein.

Biden hielt Trump vor, er habe nach dem Tod von George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz Ende Mai versucht, „rassistischen Hass zu erzeugen, rassistische Spaltung“. Trump antwortete, angesichts der gewaltsamen Unruhen im Anschluss an den Tod von Floyd in Minneapolis habe er dort wieder für Ruhe gesorgt, „weil wir an Recht und Ordnung glauben - und du tust das nicht, Joe“, fügte der Präsident hinzu.

Bei allen Themen rutschte das Streitgespräch meist in ein chaotisches Wortgefecht ab, in dem Trump und Biden durcheinander sprachen. Insbesondere fiel der Präsident seinem Herausforderer ins Wort. „Es ist schwer, mit diesem Clown auf den Punkt zu kommen“, beschwerte sich Biden an einem Punkt.

Nach Einschätzungen von Experten konnte US-Präsident Trump im ersten TV-Duell keinen Boden gegen seinen in Umfragen führenden Herausforderer Joe Biden gutmachen. Zwar erntete der Amtsinhaber für sein aggressives Auftreten jubelnden Zuspruch seiner Anhänger, aber der Republikaner unternahm wenig, um unentschiedene Wähler oder potenzielle Wechselwähler zu überzeugen, dass er derjenige ist, der die Probleme am besten angehen kann, mit denen die USA konfrontiert sind. Das gilt insbesondere für Frauen, von denen viele Trumps Gebaren und Ton kritisch sehen.

Trump gelang es zwar mit seinen ständigen Unterbrechungen, Biden das ein oder andere Mal aus der Komfortzone zu locken. Der ehemalige Vize-Präsident schaffte es aber dennoch, zumindest in Ansätzen immer mal wieder einige seiner Botschaften zu platzieren. Wenn Biden die Chance bekam, blickte er direkt in die Kamera, um sich direkt an die Wähler an den Fernsehschirmen zu richten, während Trump ihn unheilvoll anstarrte.

Mit einer Aussage sorgte Trump zumindest bei der rechten Gruppierung Proud Boys für Begeisterung. In einem Kanal hätten Mitglieder der Gruppe die Aussage des Präsidenten als stillschweigende Billigung ihrer gewalttätigen Taktiken gewertet, berichtete die „New York Times“. In einer weiteren Nachricht heiße es, die Gruppe sehe bereits eine Zunahme der Zahl „neuer Rekruten“.

Trump hatte sich am Dienstagabend in der TV-Debatte mit seinem Herausforderer Joe Biden vor der Präsidentschaftswahl geweigert, rechtsradikale Gruppen zu verurteilen. „Wen soll ich verurteilen?“, fragte er Moderator Chris Wallace. „Proud Boys - haltet euch zurück und haltet euch bereit“, sagte Trump danach („stand down and stand by“). Trumps Sohn Donald Trump Jr. sagte im Sender CBS, dass sein Vater sich wohl versprochen habe.


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