„Rand“-Stück im Schauspielhaus Wien

Langsam werden schlaffe, weiße Foliensäcke zu riesigen Ballons aufgeblasen, die sich zu verschiedenfarbiger Beleuchtung und sphärischer Musik auf der Bühne breitmachen. Ein magischer Beginn, der vom ersten Auftritt eines Darstellers im bunten Sportdress gebrochen wird: „Ich bin ein Tetris-Stein.“ Auch die vier Kollegen, die nach ihm kommen, sind Tetris-Steine. Und sie sind alle sehr sensibel und nachdenklich. So beginnt „Rand“ von Miroslava Svolikova im Schauspielhaus Wien.

Die Wiener Autorin ist dem Schauspielhaus seit 2016 verbunden, und realistische Stücke mit nachvollziehbarer Handlung sind ihre Sache nicht. Und so landet man auch mit „Rand“, das Hausherr Tomas Schweigen am Mittwoch zur Uraufführung brachte, mitten in einem Sammelsurium seltsamster Gestalten, für die Kostümbildnerin Giovanna Bolliger fantasievolle Outfits in allen Farben bereitstellt. Nach den Tetris-Steinen, deren Lebensziel es ist, zusammenzustecken und miteinander Flächen zu bilden, treten auf: Astronautinnen und Astronauten, das letzte Einhorn, Soziologinnen und Soziologen, die Feuerwehr, ein auf Ränder und Ritzen spezialisierter Schädlingsbekämpfer und Kakerlakenpriester, ein Kakerlakenchor, ein unbeteiligter Beobachter, ein unschlüssiger Terrorist - und Mickey Mouse.

Vera von Gunten, Jesse Inman, Sophia Löffler, Sebastian Schindegger und Til Schindler schlüpfen immer wieder in neue Kostüme und zwängen sich an den Riesen-Ballons vorbei auf die Bühne, um über das Verhältnis von Zentrum und Rand zu philosophieren, allerlei Gruppendynamik zu entwickeln und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Mickey sucht Käse, die Soziologin versucht Spenden für die Forschung einzusammeln, und alle miteinander suchen nach dem Sinn. „Rand“ ist randvoll mit Randbemerkungen, bleibt aber ohne Mittelpunkt eine Randerscheinung. „Niemand will am Rand sein“, denn dort ist es rutschig und einsam. Und aus dieser Dada-Bühnenparty eine verbindliche Auseinandersetzung mit realen Bezügen zu destillieren, ist bestenfalls eine Aufgabe für Randgruppen.

Am besten, man überlässt sich als Zuschauer dem durchaus abwechslungsreichen Bühnengeschehen und versucht, in diesen fast zwei Stunden auch Spaß zu haben, wenn es ernst wird. Wenn etwa ein Terrorist mit einem Revolver herumfuchtelt und ankündigt, alle umzubringen (auch und vor allem die brav im Schachbrettmuster sitzenden und Maske tragenden Zuschauer). Wenn eine Bombe aus Backpulver, Chia-Samen und Wasser auf der Bühne platziert wird. Wenn die Zukunft mit vereinten Kräften beiseitegeschoben wird: „Wir sind noch nicht bereit!“ Wie die Zukunft aussehen wird, lässt sich im Schauspielhaus nicht sagen. Die Gegenwart ist jedenfalls ziemlich außer Rand und Band geraten.

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