Wutbürger hinterm Steuer werden mehr: Verkehr als Spiegel der Gesellschaft

Aggressionen im Straßenverkehr nehmen zu — eine gefährliche Entwicklung, wie Statistiken belegen. Verkehrsexperten warnen.

Runter vom Gas: Viele Unfälle sind indirekt auf aggressiven Fahrstil zurückzuführen.
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Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Knapp auffahren, auf der Autobahn vor einem vermeintlichen Kontrahenten auf die Bremse steigen, hupen, rechts überholen, schneiden: Manche Mitbürger mutieren hinter dem Steuer zu wütenden Dränglern und fluchenden Racheengeln mit riskantem Fahrstil, oft nach dem gefährlichen Motto „Dem oder der werd’ ich’s noch zeigen“. In Untersuchungen wird aggressiver Fahrstil zwar nicht eigens als Unfallursache aufgelistet, sehr wohl zu finden ist aber zum Beispiel mangelnder Sicherheitsabstand. In Tirol kam es im vergangenen Jahr laut Statistik Austria aus diesem Grund 259-mal zu Unfällen mit Verletzten. In 572 Fällen waren Vorrangverletzungen die Ursache, 486-mal eine nicht angepasste Geschwindigkeit und 104-mal Überholmanöver. Raser verursachten sechs von 37 tödlichen Unfällen in Tirol.

Und die Aggressionen nehmen zu, wie Verkehrspsychologin Marion Seidenberger vom ÖAMTC sagt. Laut der letzten Umfrage des Autofahrerclubs gehört Tirol gleich nach dem Burgenland (68 Prozent der Befragten) und Wien (65 Prozent) zu den drei Bundesländern, in denen Verkehrsteilnehmer am häufigsten darüber klagen, dass andere Straßenverkehrsteilnehmer immer unbeherrschter und rücksichtsloser werden. Hier gaben 64 Prozent an, sich dadurch gefährdet zu fühlen. Zu den größten Ärgernissen gehört dichtes Auffahren und von anderen Verkehrsteilnehmern geschnitten zu werden.

„Meistens werden Zeitdruck und hohes Verkehrsaufkommen als Gründe angegeben“, sagt Seidenberger. Sie rät, lieber einmal tief durchzuatmen, als zu hupen oder anderen den Stinkefinger zu zeigen. „Hinter dem Steuer erlauben sich manche Dinge, die sie sonst vielleicht nicht tun würden, weil sie schnell und unerkannt flüchten können.“

Problematisch werde die Sache, wenn Kinder oder Jugendliche mit im Auto sitzen, die sich später am Verhalten ihrer Eltern – die ihre Vorbilder sein sollten – ein Beispiel nehmen. „In diesem Fall sollte man die Größe haben einzuräumen, die Nerven verloren und falsch reagiert zu haben.“

Auch das Kuratorium für Verkehrssicherheit verweist auf eine repräsentative Untersuchung, die klar ergab, dass Aggressionen zunehmen. „Meistens sind Stress und selbst auferlegter Zeitdruck der Grund dafür“, meint Klaus Robatsch, Bereichsleiter für Verkehrssicherheit. Wie er sagt, führen Aggressionen zu mehr Unaufmerksamkeit und Fahrfehlern, das Unfallrisiko steigt. Er fordert, sich genügend Zeit zu nehmen, egal ob man zur Arbeit fährt oder in den Urlaub. „Es ist besser, sich nicht an der schnellsten Zeit zu orientieren, die man einmal für eine Strecke gebraucht hat, und Stoßzeiten nach Möglichkeit zu vermeiden. Es braucht Toleranz statt Ignoranz, Partnerschaft statt Gegnerschaft.“ Drängeln, Fluchen, wildes Gestikulieren, ein allgemein aggressiver Fahrstil: Laut Robatsch sind die meisten Hitzköpfe übrigens männlichen Geschlechts.

„Der Straßenverkehr ist ein Spiegel der Gesellschaft, die immer mehr unter Druck steht“, sagt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Eine entsprechende Verkehrsplanung könnte entgegenwirken: durch mehr Kontrollen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Straßen, die nicht zum Rasen einladen. Die Verkehrsplaner seien gefragt, sich am Beispiel Schweden zu orientieren, wo es auf den Straßen gemütlicher abläuft. „Hohe Geschwindigkeit führt außerdem meistens nicht dazu, dass man schneller ans Ziel kommt, man muss nur häufiger auf die Bremse treten. Der Klassiker: vor der Ampel noch aufs Gas treten, obwohl sie schon auf Rot wechselt.“

Mehr Gelassenheit wäre angebracht. Gratzer: „Viele Unfälle passieren durch zu hohes Tempo. Nicht alle diese Fahrer waren aggressiv, aber ein aggressiver Fahrstil ist sicher einer, der sich durch zu schnelles Fahren ausdrückt. Dieses Verhalten zu verharmlosen, ist gefährlich.“

Wer sich ärgert, fährt schneller

Während des Lockdowns blieben bei den Bussen des Verkehrsverbunds Tirol die vorderen Türen geschlossen, die ersten Bänke hinter dem Fahrer durften zu dessen Sicherheit nicht besetzt werden. Das hat sich geändert und wird auch jetzt, nach dem erneuten Anstieg der Corona-Zahlen in Tirol nicht wieder strenger gehandhabt, wie VVT-Sprecherin Stefanie Kozubek sagt. Bei zwei offenen Türen gibt es weniger Gedränge beim Einsteigen, was verhindert werden soll.

Da auch die Fahrer inzwischen mit Visieren und Masken ausgestattet sind, seien diese geschützt, auch wenn die Reihen hinter ihnen – auch um die Kapazität zu erhöhen – wieder besetzt werden dürfen. Anders die Situation bei den Innsbrucker Verkehrsbetrieben: Hier bleiben die vorderen Reihen gesperrt.


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