Aufregung um „Schandwache“ bei Lueger-Denkmal in Wien

Die „Schande“-Graffiti am Wiener Lueger-Denkmal haben am Montag für Aufregung gesorgt. Eine Gruppe von Künstlern rund um Eduard Freudmann startete eine „Schandwache“, die die Stadt daran hindern soll, die im Sommer angebrachten Graffiti zu entfernen. An zwei Stellen hat man diese abgenommen, in Beton gegossen und golden bemalt wieder angebracht. Am Nachmittag rückten Gegendemonstranten an und schlugen die Graffiti mit Meißeln zum Teil wieder vom Denkmal ab.

Prominente Unterstützung erhielt die „Schandwache“ von der Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. „Ich bin für eine Weggestaltung. Das ist ein Operettendenkmal. Das ist die Erinnerung an ein Wien, das es nie gegeben hat“, so Streeruwitz bei ihrer kurzen Rede, in der sie an jenes Wien erinnerte, wie es der Schriftsteller Theodor Kramer schilderte. „Ich finde, dass eigentlich Theodor Kramer hier sein sollte.“ Rückendeckung bekam die Aktion auch von Akademie-Rektor Johan Hartle. Er stelle sich „ausdrücklich“ hinter die Initiative, die Studierende mit angestoßen hätten. Es gehe darum, den öffentlichen Raum zu demokratisieren, das „nur klein kommentierte Denkmal“ werde als „glorreicher Traditionsbestand“ gewürdigt.

Täglich von 9 bis 18 Uhr sollen unterschiedliche Organisationen wie die Jüdische HochschülerInnenschaft, die Sozialistische Jugend, die Muslimische Jugend Österreich, der KZ-Verband und Sodom Vienna vor dem Denkmal Wache halten. Die Künstlergruppe, der auch Mischa Guttmann, Gin Müller, Simon Nagy und Anna Witt angehören, fordert von Bürgermeister Ludwig (SPÖ) und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne) „ein klares Bekenntnis zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals und zur Umbenennung des Lueger-Platzes“, wie sie am Vormittag bei einem Pressetermin erklärten. Die Graffiti müssten bleiben, bis eine grundlegende Umgestaltung des Denkmals realisiert worden ist. „Ihre Entfernung wäre ein weiterer Akt des Antisemitismus“, so die Gruppe, die während des Auftakts der Mahnwache sogleich von einem erbosten Bürger lautstark kritisiert wurde. „Wir sollten Denkmäler als Orte der Auseinandersetzung mit Geschichte etablieren“, so Guttmann. „Dass Luegers Antisemitismus in seinem Denkmal unter den Teppich gekehrt wird, ist ein Skandal - und gleichzeitig so typisch österreichisch.“

Bereits wenige Stunden nach Ausrufung der „Schandwache“ wurden am Nachmittag Gegendemonstranten aktiv. Die von den „Schandwache“-Proponenten in Beton gegossenen und vergoldeten Graffiti wurde von Aktivisten mit Meißeln teils wieder vom Denkmal geschlagen.

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„Wir sind auch eine Kunstaktion. Wir sind der Wiener Re-Aktionismus“, so der Anführer der Gruppe. Man befreie das Denkmal „von der Schande der Schändung“. Die Landespolizeidirektion bestätigte der APA auf Nachfrage, Kenntnis des via Twitter verbreiteten Videos von der Aktion zu haben. Zu einer möglichen Identitätsfeststellung der Beteiligten könne man derzeit aber noch nichts sagen. Auch ob strafrechtlich Relevantes vorliege, müsse noch geprüft werden.

Die Statue am Dr.-Karl-Lueger-Platz nahe der Ringstraße wurde dort 1926 aufgestellt und erinnert an den 1910 verstorbenen einstigen Bürgermeister der Stadt Wien, der als einer der Mitbegründer des politischen Antisemitismus gilt. Seit Juni wurde die Anlage wiederholt mit Parolen wie „Schande“ beschmiert. Die Diskussion um das vom Bildhauer Josef Müllner geschaffene Heldenwerk ist dabei schon deutlich älter. Schon 2009 hatte die Universität für angewandte Kunst einen Ideenwettbewerb zur Umgestaltung des Monuments ausgeschrieben. Im Jahr 2016 wurde eine Zusatztafel errichtet.


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