Tiroler Altenheime in Zeiten von Corona: „Alltag findet trotzdem statt“

Alte Menschen sind in Zeiten von Corona besonders verwundbar. Tiroler Heime bemühen sich um Normalität, die Ruhe während des Lockdowns war nicht nur negativ.

In Tirols Wohn- und Pflegeheimen mussten die Bewohner öfter unter sich bleiben als davor.
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Von Catharina Oblasser

Innsbruck – Jedes Jahr im Advent werden im Lienzer Wohn- und Pflegeheim Kekse gebacken. Auch heuer, trotz Corona. Der organisatorische Aufwand ist freilich ungleich größer. In dem Haus, das mit 240 Plätzen und acht Stationen das größte Wohn- und Pflegeheim Tirols ist, dürfen die alten Menschen nur in Kleingruppen gemeinsam aktiv sein. Der große Speisesaal ist ebenso tabu wie der Festsaal. Zu klären, wer wann wo teilnimmt, ist eine Frage von mühsamer Tüftelei. Das gilt auch für die Weihnachtsfeiern, die in größerer Zahl, aber in kleinerem Rahmen stattfinden werden.

Dabei war es zu Zeiten des Lockdowns noch viel schlimmer, erinnert sich Pflegedienstleiterin Daniela Meier. „Unsere Bewohner haben in den Medien alles über Corona verfolgt. Viele fürchteten sich vor der Erkrankung.“ Man durfte einander nicht mehr stationsübergreifend besuchen, und Besuche von außen waren sowieso verboten. Es wurde ruhig im Haus. Kein Basteln, kein Singen, kein Wassertreten oder andere übliche Aktivitäten.

Eine Belastung für die alten Menschen? Eher nicht, glaubt die Lienzer Pflegedienstleiterin. „Wir hatten während des Lockdowns keine gesundheitlichen Krisen wie etwa Demenz-Schübe oder schwere Herz-Kreislauf-Probleme, auch keine Einweisung ins Spital.“ Manche Bewohner hätten das Ausfallen der Wassertret-Stunde sogar als „kleinen Urlaub“ empfunden.

Daniela Meier.
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Das Durchschnittsalter der Menschen im Heim ist 86 Jahre, mehr als die Hälfte von ihnen werden der Pflegestufe fünf (von insgesamt sieben) oder höher zugerechnet. Demenz spielt eine Rolle. Ist es nicht schwierig, diesen Personen zu erklären, dass in nächster Zeit kein Besuch mehr kommt?

Das sei eine Frage von Geduld und Zeit, schildert Meier. Ebenso wie die Einführung von technischen Hilfsmitteln, die es den Bewohnern während des Lockdowns erlaubten, mit ihren Angehörigen virtuell in Kontakt zu treten. „Auch ein Hochbetagter kann sich noch an iPad und Videotelefonie gewöhnen. Es dauert nur länger“, sagt die Pflegedienstleiterin. Ebenso, wie es bei manchen Heimbewohnern Übung brauchte, bis sie das Personal auch mit aufgesetzter Maske erkannten. „Nicht alle sind sich darüber im Klaren, dass ich die Pflegedienstleiterin Frau Daniela Meier bin, aber sie erkennen mich als Mitarbeiterin des Hauses und sind beruhigt.“

Auch ein Hochbetagter kann sich noch an iPad und Video-telefonie gewöhnen. Es dauert nur länger.
Daniela Meier (Pflegedienstleiterin)

Dass in den Wohn- und Pflegeheimen durch Corona die Vereinsamung ausgebrochen sei, kann die Leiterin nicht unterschreiben. „Unsere Bewohner haben rund um die Uhr Kontakt zu uns, sie haben Pflege, und sie haben Seelsorge.“ Die Messen würden nun eben fünfmal pro Woche im kleinen Kreis stattfinden, statt wie bisher zweimal die Woche.

Differenzierter sieht es Psychiaterin Barbara Weskamp. Die Innsbrucker Medizinerin ist neben ihrer Tätigkeit an der Klinik und in ihrer eigenen Praxis auch Konsiliar-Psychiaterin an vier Wohn- und Pflegeheimen. Eines davon ist in Innsbruck, die anderen außerhalb. Ein- bis viermal im Monat besucht sie die Heime. „Es gibt unterschiedliche Situationen, je nachdem, ob genug Personal da ist“, sagt die Ärztin. Wären im Heim genügend Mitarbeiterinnen, so könnten diese den Wegfall von Verwandten-Besuchen ausgleichen. „Aber ansonsten wird es als großer Mangel empfunden, wenn die Angehörigen nicht mehr kommen.“

Die Heimbewohner seien dann traurig und hätten eventuell sogar vergessen, warum der Besuch ausbleibt. Das kann zu Depressionen, Antriebslosigkeit oder sogar paranoiden Zuständen führen. Ohne genügend Beschäftigung und Aktivitäten bauen die alten Menschen geistig sehr schnell ab, ist Weskamps Fazit, das wirke sich auch negativ auf das Gemüt aus. „Das ist eine Spirale nach unten.“

„Wir hatten keine Alternative zum Lockdown“, fasst Robert Kaufmann, Obmann der Arbeitsgemeinschaft Tiroler Altenheime, zusammen. Er ist überzeugt: „Die Menschen bei uns waren isoliert, aber nicht einsam.“ Weitaus dramatischer sei die Lage für jene Älteren gewesen, die ganz allein in ihrer Wohnung leben. „Die hatten dann gar keine Kontakte mehr, außer vielleicht den Nachbarn, der ihnen den Einkauf vor die Tür stellte.“


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